Be-denkens-wert vom 03.05.2008

Antalya, wo ich zu Hause bin, liegt in Pamphylien und über dieses Pamphylien berichtet die Apostelgeschichte, dass vor 2000 Jahren Menschen aus Kappadokien, Pamphylien, Mesopotamien, aus Ägypten und anderen Teilen in Jerusalem zusammengekommen waren und dort eine wunderbare Erfahrung machten. Sie sprachen von Hause aus alle eine andere Sprache und verstanden sich dennoch. In der Bibel im Alten Testament wird von einer anderen Erfahrung berichtet: Da wollten die Menschen einen Turm bauen, möglichst hoch, den Turm zu Babel, der das Symbol sein sollte für die Arroganz des Menschen, ohne Gott auszukommen, und im Ergebnis mussten sie die Erfahrung machen, dass sie zwar alle die gleiche Sprache sprachen, aber sich nicht verstanden. Die Folge, Chaos!

Tausende Jahre später kennen wir gleiche Erfahrungen. In Familien, unter Arbeitskollegen, in politischen Kreisen, bei Diskussionen, wir reden und reden und stellen fest, dass wir uns trotz langen Redens und gleicher Sprache nicht verstehen. Wir reden an einander vorbei und verstehen uns deshalb nicht. Denn sich verstehen hat wenig mit den Ohren zu tun, sondern ist eine Sache des Herzens und des Geistes, ein innerer Vorgang.

Das Pfingstfest erinnert die Christen, dass wir zwei Möglichkeiten in unserem Leben haben, den Weg nach Babel oder den Weg nach Jerusalem zu gehen. Der Weg nach Babel führt über die Arroganz, alles zu wissen und machen zu können, das Wort „Ich“ in den Mittelpunkt zu stellen und so immer unfähiger zu werden, den anderen wirklich zu verstehen. Diese Isolierung, nicht zu verstehen bei gleichzeitiger massiver Zunahme der sprachlichen Geräuschkulissen, wächst sich zu einem modernen Problem aus. Wie viele Paare konstatieren nach zahlreichen Jahren gemeinsamen Lebens: Wir haben uns nichts mehr zu sagen.

Wir können auch nach Jerusalem gehen, das heißt, im Geist Jesu zu einer gemeinsamen Sprache der Seele finden, die von den gleichen Hoffnungen, Zusagen und Verheißungen ausgeht und die Basis für ein inneres Verstehen ist, was wiederum die Voraussetzung ist, vom Ich zum Wir zu finden und zu einer Kommunikation, die nicht aus leeren, oberflächlichen Worthülsen besteht, die unbefriedigt zurücklassen. Die Kunst, ein Gespräch zu führen, und nicht wie der Volksmund sagt, zu labern, hängt ganz eng mit der Geisteshaltung zusammen, aus der man redet. Christus und die Christen sprachen und sprechen deshalb vom Heiligen Geist, den sie am Pfingsttag feiern und für sich erbitten, um kommunikative Menschen zu werden, deren Sprache das Verstehen und die Gemeinschaft mit Gott und untereinander fördert. Dann ist Sprache ein wunderbares Heilmittel, vielleicht die kostbarste Gabe, die wir haben.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya