Be-denkens-wert vom 24.05.2008

Zur modernen „Lebensqualität“ gehört, jeden Tag eine neue Hiobsbotschaft. Waren es gestern die grausamen Bildern von Naturkatastrophen in China und Myanmar, war es heute die Meldung über die Eröffnung einer Mammutkonferenz in Bonn über den Artenschutz, weil täglich auf unserer Welt mehr als 100 Arten unwiederbringlich verloren gehen. Die Nöte, die uns bedrängen und viele Menschen unruhig machen, werden zahlreicher. In den allermeisten Fällen kennen wir die Ursachen unserer Nöte; warum fällt es dann so schwer, umzukehren und Veränderungen einzuleiten? Es ist doch immer besser, Schäden zu verhüten, als zu heilen, zumal das Heilen sehr teuer kommt. Begründungen und Entschuldigungen wird jeder anzuführen wissen.

Ich verehre Albert Schweitzer sehr und daher ist mir eine Äußerung von ihm über die Kraft zur Veränderung hilfreich. Der große Menschenfreund sagte: „Gebete verändern die Welt nicht, aber Gebete ändern den Menschen und Menschen ändern die Welt.„

Die mangelnde Fähigkeit, trotz intellektueller Einsicht, umzukehren, hat sie nicht etwas mit der Not zu tun, nicht mehr beten zu können? Warum? Weil der Betende spürt, nicht Herr der Welt zu sein, sondern Diener an der Welt und weil der Betende die Kraft zum Stehenbleiben, zum Innenhalten hat. Die meisten heute meinen, immer vorwärts drängen zu müssen, Tempo vorzulegen, aber Tempo ist oft ein Zeichen, dass es abwärts geht. Der Betende betrügt sich nicht selbst, indem er Tempo mit Fortschritt verwechselt, sondern im Gebet beginnt er sein Denken und Tun zu bedenken und bekommt dann sehr schnell Be-denken, ob denn alles so richtig ist und der Menschheit dient. Interessant, dass das deutsche Worte „be-denken“ doppeldeutig ist. Der Beter nimmt sich die Zeit, den einen Schritt zu verarbeiten, ehe er den nächsten tut. Diese Art von Fort-schritt lässt Verantwortung reifen, bremst die Gier nach immer mehr und fördert so eine persönliche, tief greifende Veränderung. Von teuren Mammutkonferenzen, oftmals Ausdruck von Ratlosigkeit, ist nicht viel zu erwarten. Wirklich eine heilsame Veränderung erwarten kann man nur, wenn sich der Mensch verändert.

Ein Konzertpianist sagte einmal: „Wenn ich einen Tag nicht mehr übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merken es meine Freunde, wenn ich 3 Tage nicht übe, merkt es das Publikum.“ Nichts anders verhält es sich mit dem Gebet: wenn ich einen Tag nicht mehr bete, merkt es Gott, wenn ich 2 Tage nicht bete, spüre ich es selber, wenn ich 3 Tage nicht mehr bete, spürt es meine Umgebung, und wenn ich gar nicht mehr bete, spürt es die ganze Welt. Nicht Technik, Konferenzen und Riesenprogramme werden die Welt retten, sondern nur, wenn der Mensch seine Seele behält. Und das Gebet ist eine Form der Pflege der Seele mit enorm verändernder Kraft.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya