Be-denkens-wert vom 01.08.2008

Dem Zeitgenossen, der sich nicht nur für sich selbst interessiert, sondern auch für das Ganze, begegnen oftmals sehr widersprüchliche Entwicklungen, die zu deuten nicht leicht sind. Auf dem Zeitschriftenmarkt, in den Fernsehprogrammen boomen jene Artikel und Sendungen, die gute Ratschläge für das Leben geben. Da wird oft so getan, als wenn es sich um ganz neue Erkenntnisse handelt, immer mit einem kräftigen Tupfer von Wissenschaftlichkeit versehen, und schließlich mit der besonders tiefsinnigen Frage „Alles o.k.?“ abgeschlossen. Dabei sind manche Analysen und anschließend die guten Ratschläge von einer Oberflächlichkeit und Blässe, dass sie schon wehtun und für den, der nach Hilfe sucht, eine Zumutung sind. Von menschlicher Wärme und Zuwendung keine Spur, stattdessen Geschäft. Dieses Vakuum an entweder selbstheilender Lebenshilfe oder an Lebenshilfe durch wahre Mitmenschlichkeit hat auch etwas mit dem immer krasser spürbarem Ausfall der religiösen Dimension von Leben zu tun. Eindimensionales Leben ist auch armes Leben. Zu Bewältigung des Lebens haben unsere Vorfahren immer wieder auf Jahrtausend alte Erfahrungen zurückgegriffen und empfanden sich dabei nicht etwa als unmodern, während heute viele glauben modern zu sein, wenn sie sich selbst beweihräuchern, weil sie meinen das Rad noch einmal erfunden zu haben. Die grundlegenden Erfahrungen, dass Leben gelingen oder misslingen kann, sind gemacht. Eine wahre Schatzkiste dieser Erkenntnisse ist der Menschheit u.a. in den biblischen Schriften aufgehoben. Sowohl das Neue Testament wie auch schon das Alte Testament haben eine Fülle von zeitlosen Erkenntnissen und Zusammenhängen zusammengetragen, die helfen - um es biblisch zu sagen - ein Leben in Fülle als Folge zu haben oder eben auch ein Leben in seelischer Armut und Leere.

Ein Beispiel möge das verdeutlichen. In der jüdischen Weisheitsliteratur - Jahrtausend altes Wissen -wird folgender schlichter Dialog berichtet, der heute aktuell wie einst war, gerade wenn man an die Not Vieler denkt, die sich nach Liebe sehnen, aber nie erreichen, trotz der Präsenz des Themas in allen Variationen auf allen Fernsehkanälen. „ Du sagst, du liebst mich. Weißt du auch, was mir wehtut?“ „Nein?“ „ Dann liebst du mich auch nicht.“

Das Wissen, was dem anderen wehtut, über seine Schmerzen, seine Einsamkeiten, seine Schuld zu reden, kann Menschen auf ganz tiefe Weise verbinden. Sie machen sich allerdings auch verletzlich, was heute überhaupt nicht geschätzt wird; Das ist der Preis, um wirklich lieben und geliebt werden zu können. Nicht umsonst versprechen sich im Trauungsritus Liebende, für einander da zu sein in guten und bösen Tagen. Das Nichtansprechen, das vornehme Zudecken oder sprachliche Vernebeln von Schmerzen, die ich bereite oder mir von anderen bereitet werden, zeigt an, dass die tiefe, bindende Liebe keine Chance hat. Umgekehrt, das wachsame, offene Wahrnehmen von Schmerzen, selbst verursachte oder erlittene, führt Menschen an ganz tiefen Punkten unseres Menschseins zusammen- optimal für das Wachstum von Liebe.

Christen erkennen in Christus einen wahren Meister dieses Zusammenhanges von Liebe und Schmerz. Er brauchte bei allen Begegnungen mit Menschen nie um ihre Schmerzen der Seele herumzureden, ein nichtssagendes „O.K.“ zu sprechen, er kannte die Schmerzen, weil er sie liebte. Für den Zeitgenossen passen Liebe und Schmerz nicht zusammen, für den Christen schon.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya