Be-denkens-wert vom 22.08.2008

Vor einigen Wochen wurde in Tarsus und in Rom das offizielle Paulus-Jahr für die Christenheit eröffnet. Denn es ist ungefähr 2000 Jahre her, dass Paulus in Tarsus, der heutigen Türkei, nahe Adana geboren wurde. Eine herausragende Persönlichkeit des jungen Christentums; Und es gibt zumindest keinen katholischen Sonntagsgottesdienst auf der Welt, in dem nicht aus Schriften des Hl. Paulus vorgelesen wird. Das ist Weltliteratur, entstanden nach einer spektakulären Bekehrung vom Verfolger zum glühenden Anhänger des Jesus aus Nazareth vor den Toren Damaskus. Unglaublich viel ist er unter teilweise dramatischen Umständen gereist, um die jungen Gemeinden zu besuchen und zu ermutigen und hat an viele von ihnen nach seiner Abreise Briefe geschrieben. So hat die Nachwelt bis heute tiefen Einblick in die Seele eines Menschen, der vom Aberglauben an die Machbarkeit und die Verfügbarkeit von Leben zum überzeugenden Verfechter des heilsamen Glaubens an Jesus Christus konvertierte, damit der Mensch seine Herkunft kennt, denn erst wer seine Herkunft kennt, kennt auch seine Zukunft. Viele moderne krankmachende Ängste haben ihre tiefste Ursache im Nichtkennen der existentiellen Herkunft und damit auch dem Nichtkennen der Zukunft.

So möchte ich ihn in diesem Paulus-Gedenkjahr immer wieder selbst sprechen lassen und beginne heute mit einem Text aus seinem ersten Brief, den er an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat. (1Kor. 13, 1 ff):

„Wenn ich mit Menschen - ja mit Engelzungen rede, habe aber die Liebe nicht, bin ich ein tönendes Erz und eine lärmende Schelle. Wenn ich die Prophetengabe habe und alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze und wenn ich allen Glauben habe, so dass ich Berge versetzen könnte, habe aber die Liebe nicht, so bin ich nichts. […]

Die Liebe ist langmütig, gütig, sie ist nicht eifersüchtig, prahlt nicht und bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht taktlos, sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht verbittern, sie trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sie freut sich vielmehr an der Wahrheit. Alles deckt sie zu, alles glaubt sie, alles hofft sie, alles erträgt sie. Die Liebe hört niemals auf.

Prophetengaben verschwinden, Sprachgaben hören auf, Erkenntnisse sind begrenzt. Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unsere Voraussagen. Wenn aber das Vollendete kommt, dann hört das Stückwerk auf. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, urteilte wie ein Kind. Seit ich jedoch ein Mann geworden bin, habe ich die kindische Art abgelegt. Wir sehen nämlich jetzt durch einen Spiegel- rätselhaft, wir werden aber sehen von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich ganz erkennen, wie auch ich durch und durch erkannt worden bin.

Jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; am größten unter ihnen ist jedoch die Liebe.“

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya