Be-denkens-wert vom 21.10.2008

Wie bereits erwähnt, möchte ich im Paulusjahr, das bis zum Fest Peter und Paul am 29. Juni 2009, gefeiert wird, jene kraftvolle Gestalt des jungen Christentums zur Sprache bringen, denn viele seiner Briefe waren an Gemeinden geschrieben, die seinerzeit in der heutigen Türkei oder in Griechenland lagen.

Der Brief an die Gemeinde in Philippi, im heutigen Griechenland gelegen, gibt einen guten Einblick in das persönliche Empfinden des Paulus. Wahrscheinlich im Jahr 55 n.Chr. im Gefängnis in Ephesus verfasst, empfiehlt er den Leuten in Philippi: „sorgt euch um nichts...!“, eine Sorg-losigkeit, die aus dem Glauben kommt.

Paulus Original: (4,6-9) „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott...“

Fast täglich erreichen uns Hiobsbotschaften; ist es einmal die leidende Umwelt und das sich verändernde Klima, ist es im Augenblick die sog. Bankenkrise. Wir stolpern von Krise zu Krise, das hat schon fast etwas masochistisches an sich und zwei Folgen: Die einen wehren ab und schützen sich durch Realitätsverdrängung, die anderen versuchen mit den vielfachen Ängsten und Bedrohungen zurecht zu kommen, aber können das Leben gar nicht mehr genießen und sich jeden Tag neu am Dasein freuen. Beide Haltungen machen auf mittlere Sicht die Seele krank. Wie herauskommen aus all den Sümpfen? Noch versuchen es viele mit der Erfindung immer neuer Seelenpillen und Placebos mit immer engmaschigeren Regulierungen oder auch mit endlosen Zerredungskünsten. In diesem Umfeld sagt mir ein Satz, wie der des Paulus viel: „Sorgt euch nicht.“

Wir werden keine echte langfristige Heilung all der Probleme einleiten können, wenn wir als Menschen nicht wieder jene Grundwahrheit innerlich akzeptieren, dass wir nicht die Herren, die Eigentümer der Welt sind. Paulus wurde nicht müde zu verkünden: „Gott ist Herr, wir sind Menschen, Gott ist Eigentümer der Welt, wir sind Nutznießer, Gott ist Schenkender, wir sind Empfangende.“ Aus dieser Grundeinsicht kann er dann sagen: „Sorgt euch nicht.“ Diese Art von Sorg-losigkeit ist nicht zu verwechseln mit Leichtsinnigkeit sondern macht realistisch, fürsorglich, schonend und wehrt der Hybris nach immer mehr ausbeutender, verantwortungsloser und egoistischer Lebenseinstellung. Echte Krisen lassen sich nicht durch Management auf Dauer heilen - den Aberglauben sollten wir doch inzwischen aus Erfahrungen überwunden haben - sondern nur durch eine Veränderung des geistigen Zustandes, einer Läuterung des Geistes, durch neues Denken.

„Wandelt euch durch ein neues Denken“, ist ein andere Empfehlung des Apostels Paulus und hängt eng mit dem Wunsch zusammen: „Sorgt euch um nichts.“ Wirkliche Sorgen müssen nur die haben, die verneinen, dass sie nackt auf diese Welt gekommen sind, und genauso wieder gehen werden.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya