Be-denkens-wert vom 12.11 2008

Das Paulusjahr führt zahlreiche Gruppen in diesem Jahr in die Türkei und viele machen auch einen Stopp in unserer St. Nikolaus-Kirche, denn immerhin ist Paulus vor 2000 Jahren auch in Antalya gewesen, wie die Apostelgeschichte im 14. Kapitel Vers 25 berichtet. So habe ich das Privileg, viele verschiedene Menschen kennen zu lernen. Es kommen Menschen, die fast wissenschaftlich an die Gestalt des Paulus herangehen und andere, die sehr einfach seine Botschaft, die sie seit Jahren und Jahrzehnten ihres Lebens in den Gottesdiensten gehört haben, verinnerlichten und jetzt glücklich sind, an einem historischen Ort zu sein, wo Paulus gepredigt hat. So vielfältig die Gestalt des Hl. Paulus in der Apostelgeschichte und in seinen Briefen auf uns zukommt, so vielfältig und unterschiedlich fallen seine Glaubenszeugnisse 2000 Jahre später noch in die Seelen von Menschen.

Ich bewundere an Paulus eine Fähigkeit, die uns heute mehr und mehr verloren geht. Es ist einerseits sein Mut, den Menschen klar die Meinung zu sagen, aber anderseits ihnen auch immer wieder Mut und Trost zuzusprechen. Es ist inzwischen ein Risiko geworden, andere Menschen diskret aber deutlich auf Missstände und Irrwege hinzuweisen, weil wir inzwischen alles privatisiert haben, alles gilt als Einmischung. Das mag natürlich zusammenhängen mit der anderen verloren gegangenen Fähigkeit, nämlich dem anderen Mut und Trost zuzusprechen, wobei das Wort Trost mit dem Wort trauen zusammenhängt. Wer Mut und Trost zusprechen will, dem muss man ganz trauen können. Ein häufig gehörter Satz bei Scheidungen lautet: „Wir hatten uns nichts mehr zu sagen.“ Hatten sich solche Menschen vorher schon wirklich etwas zu sagen oder redeten sie nur miteinander. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

 Den engen Zusammenhang von der Benennung von Irrwegen und Zuspruch nennt Paulus häufig in seinen Briefen an die verschiedenen Gemeinden. Und er weist immer darauf hin, dass Gott selbst so handelt. Die göttlichen Gebote sind nicht Einschränkungen, sondern Schutz, um den Weg ins Leben ohne Schäden zu finden. Gott hat unendlich Geduld und wie wir lesen, ist ihm ein Sünder, der umkehrt, lieber als 99 Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen. Wo wir als Menschen schnell andere fallenlassen, hebt Gott immer wieder empor, macht Mut und erweist sich dadurch als tiefer Trost für verletzte Seelen, weil wir ihm ganz trauen können. Trauen, Vertrauen ist das größte Kapital, das eine Seele erfüllen kann, denn zum einen ist es heilsam für einen selbst und zum anderen heilsam für den anderen, dem ich traue, zu-traue, ver-traue, dass er sich zum Besseren ändern kann. Das empfinden Menschen dann nicht mehr als Einmischung ins Leben, sondern als Lebenshilfe.

Seinen 2. Brief an die Gemeinde in Thessalonich schließt Paulus so: „ Jesus Christus aber, unser Herr und Gott, unser Vater, der uns seine Liebe zugewandt und uns in seiner Gnade ewigen Trost und sichere Hoffnung geschenkt hat, tröste euch und gebe euch so Kraft zu jeden guten Werk und Wort.“

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya