Be-denkens-wert vom 26.02.2008

Amüsant und doch sehr ernst ist jene kleine Begebenheit vom Strand. Tommy war gerade vom Strand zurückgekommen. „Waren da noch andere Kinde?“, fragte die Mutter. „Ja.“, sagte Tommy. „Jungen und Mädchen?“, fragte die Mutter. „Woher soll ich denn das wissen? Sie hatten doch nichts an.“, sagte der Junge.

Merke: Sie sehen nicht, was da ist, sondern das, was ihnen beigebracht wurde zu sehen. Dies ist nicht etwa eine kindliche Verhaltensweise, zu sehen, was ihnen beigebracht wurde, anstatt die Wirklichkeit wahrzunehmen. Zu gern betrügen wir uns selbst mit dem, was wir sehen wollen und nicht etwa, was wir sehen müssen, weil es die Wirklichkeit ist. Der Einzelne scheitert mit diesem Lebensmodell nach einiger Zeit. Irgendwann wird jeder eingeholt von den Realitäten. Eine Gesellschaft braucht etwas länger bis zu der Erkenntnis, auf rostendem Fundament zu stehen. So wurden früher die Überbringer von schlechten Nachrichten einfach getötet. In modernen Gesellschaften werden Überbringer warnender Nachrichten etwas vornehmer behandelt, sie werden mund-tot gemacht. Jüngst einmal mehr geschehen in Deutschland, als ein Ministerpräsident, der von Beruf Frauenarzt ist, die schlechte Nachricht überbracht hatte, die jeder realistisch denkende Mensch schon lange weiß, dass die Verrohung und Respektlosigkeit vor den Lebenden und das besonders vor den Schwachen, die Folge ist, wenn eine Gesellschaft nicht mehr willens ist, das Leben von allem Anfang an zu schützen, sondern der Beliebigkeit preisgibt.

Das Wissen um die Gefahr, sehen zu wollen, was uns beigebracht wurde und nicht sehen zu wollen, was ist, gehört zu den Urversuchungen des Menschen. Deshalb kennen alle großen Religionen Fastenzeiten, die zunächst überhaupt nichts mit Kilos, Pfunden und Nahrung zu tun haben, sondern geistige Vorgänge sind, um die Wirklichkeiten wahrzunehmen. Alle drei großen Weltreligionen sind von der Wüste ausgegangen: Das jüdische Volk musste 40 Jahre durch die Wüste wandern, um sich aus der Knechtschaft zu befreien. Jesus fastete 40 Tage in der Wüste und Mekka liegt schließlich auch in der Wüste. In der Wüste kann aller Schnickschnack schnell tödlich sein, in der Wüste überlebt nur das Wichtige. Das Judentum hat in seiner Geschichte immer wieder die Erfahrung gemacht, in welchen Knechtschaften es landet, wenn es sich von seinem Gott trennt und auch die christliche Geschichte ist voll von Ereignissen des Niedergangs, wenn man meinte, die Realitäten einfach übersehen zu können. Fastenzeiten sind Zeiten, in denen der Christ versucht, Sein und Schein auseinander zu halten, Wunschträume von Wirklichkeiten zu trennen, zu sehen, was ist und nicht zu sehen, was beigebracht ist. Denn erst in der Realität angekommen, werden wir ermessen können, was uns Ostern geschenkt ist. Wer sich mit dem Schein zufrieden gibt, die Erde sei das Letzte der Wirklichkeit, braucht kein Ostern. Wer Realist ist, weil er Gott mehr zutraut, wird freudig nach Ostern ausschauen und zu feiern verstehen.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya