Be-denkens-wert vom 21.01.2008

Ich kenne ein Büchlein mit dem Titel „Kleine Menschlichkeiten“. Darin stehen wahre Geschichtchen, die zwar die Welt nicht grundlegend verändern, aber dort, wo sie geschehen sind, verändert haben.

Da ist ein Kinderspielplatz; die Kinder spielen unbekümmert im Sand, die Mütter sitzen am Rand und tauschen sich aus. Sogar ein Wächter ist da, denn der Spielplatz wurde schon oft verwüstet. Da kommt eine alte Dame vorbei und sieht den spielenden Kindern zu. Dann plötzlich bückt sie sich, hebt etwa auf und lässt es in ihrer Handtasche verschwinden. Das wiederum ruft den überaus wachsamen Wärter auf den Plan. Er geht zu der Frau und fragt: „Was haben sie da eben verschwinden lassen?“ Er denkt vielleicht an eine Geldbörse, die eine Mutter verloren hat. Er droht sogar der Frau, dass er sie mitnehmen müsse, wenn sie das corpus delicti nicht herausgebe. Die Dame ist einigermaßen verwirrt und holt aus ihrer Tasche eine Glasscherbe. „Ich dachte doch nur, sie mitzunehmen, damit sich kein Kind daran verletzt.“ Diese kleine Menschlichkeit gefiel mir sehr, und ich erinnerte mich, dass es noch nicht einmal einen Monat her ist, da die Christen auf der ganzen Erde in allen Kulturen und Völkern das Ereignis feierten, dass jemand kam, um all die Scherben des Lebens aufzuheben, damit sich keiner verletzt. Das war die Mission Jesu Christi. Er kam zu denen, deren Leben in Scherben lag, deren Seelen leer und deren Herzen verwundet waren, er kam zu denen, die ihr Leben selbst gering achteten oder von anderen geachtet wurde.

Deutschland diskutiert und erregt sich wieder einmal über die Brutalität vieler Jugendlichen und produziert Rezepte in Massen, immer mit dem Tenor, dass alle Ursachen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder Bildungsdefiziten liegen. Dann müssten 80 % der Weltbevölkerung kriminell sein, und ich als Jahrgang 1941 nur durch Zufall nicht kriminell geworden sein.

Vielleicht gibt es noch ganz andere Gründe, die wir nur nicht wahrhaben wollen. Denn ich frage: Wer sagt heute Menschen und speziell Jugendlichen, dass sie, ehe sie etwas tun, von Gott geliebt sind, nicht die Leistung den Menschen macht, und Jemand gekommen ist, die Scherben des Lebens aufzuheben, damit wir uns nicht verletzten. Dieses Wissen allein hindert die Starken, auf den Schwachen herumzutrampeln und die Schwachen in Würde erhobenen Hauptes, nicht erhobener Faust, zu leben. Wenn wir doch endlich einmal aufhören würden, bei jeder gesellschaftlichen Wunde schnell das Heftpflaster herauszuholen und stattdessen zu fragen, wie die Wunde von „innen“ zu heilen ist.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya