Be-denkens-wert vom 14.11.2009


Es gibt unbewusste und bewusste Manipulationen. Schlimm sind beide Formen.  Zu den unbewussten, oder doch bewussten, Manipulationen zählte in den vergangenen Tagen die mediale Aufmerksamkeit um den Selbstmord des Fußballers Robert Enke. Alle Fernsehkanäle waren voll, es war die Stunde der Psychologen, die in Scharen auftraten, um Licht in das Dunkel des Geschehenen zu bringen. Auch die üblichen Rituale, Kerzen und Blumen, einschließlich Teddybären vor Stadien und anderen Plätzen setzten sich in Gang, und so tragisch jeder Tod, erst recht auf diese Weise, ist, mir kamen trotz medialer Wort- und Bildüberflutung, ganz andere Gedanken. Ich habe leider nichts vernehmen können, was der Lokführer jetzt durchmacht, und ich habe auch kaum etwas vernommen, dass der Fußballer einer von über 10 000 Menschen ist, die sich das Leben in Deutschland jährlich nehmen, eine ganze Kleinstadt, jährlich. Statistisch, mitten in der Partygesellschaft, nimmt sich alle 47 Min.  ein Mensch das Leben. Bei jungen Menschen ist Selbstmord bereits die zweithöchste Todesursache. Das alles ist in den Medien und damit auch in der Öffentlichkeit ein völlig tabuisiertes Thema, eine Form von Wirklichkeitsverdrängung oder bewusste Manipulation, um die medial verordnete Partylaune nicht zu stören.

Im Internet habe ich von dem verstorbenen Herrn Robert Enke ein Zitat gelesen, wo er sagte:" ob wir von jemandem gelenkt werden, weiß ich nicht". Vielleicht ist das genau das Grundübel, warum eine ganze Kleinstadt von Menschen jährlich sich selbst um die Kostbarkeit des Lebens bringt, wo manch anderer alles an Medizintechnik einsetzt, um sein Leben um wenige Tage zu verlängern. Das hat inzwischen als anderes Extrem ebenso makabre Züge erreicht.

Ich frage mich, ob beide Extreme, sich das Leben zu nehmen und das Leben um jeden Preis verlängern zu wollen, nicht die gleiche Ursache haben:  . . . ob wir von jemandem gelenkt werden, weiß ich nicht. Dieses Nichtwissen ist auch durch die beste Bildungsreform nicht zu ersetzen. Wir täuschen uns als Gesellschaft ein weiteres Mal massiv, wenn wir in der öffentlichen Debatte ständig über mehr Bildung und Wissen  als die Zukunft  diskutieren, aber eben eine Bildung meinen, die nicht mehr durch Lebens- und das Glaubensgewißheiten   erweitert und vertieft werden  und dann zu inneren Hohlräumen führt. Christen haben nicht das Gefühl, irgendwie und von irgendjemandem gelenkt zu werden, wobei sie die Marionetten wären, aber Christen leben  im Glauben von der Gewißheit, getragen zu sein

Immer wenn ich hier in Antalya am Strand durch den Sand spazieren gehe, fällt mir jene Geschichte ein, die ich Ihnen erzählen möchte, selbst auf die Gefahr hin, dass sie ihnen bekannt ist. Ein Mensch sieht im Traum sein Leben, er geht am Strand spazieren und sieht im Sand die Fußspuren seiner Lebenswanderung. Daneben sieht er eine zweite Spur und fragt Gott: wem gehört diese? Gottes Antwort: Das ist meine, ich habe dir versprochen, immer an deiner Seite zu gehen. Plötzlich sieht jener Mensch wieder nur eine Spur und erinnert sich, dass das Zeitabschnitte in seinem Leben waren, in denen es ihm schlecht ging, in denen er litt. Er fragt Gott: wo warst du, als es mir schlecht ging, da ist doch  nur eine Spur? Gott antwortet: Freund du täuscht dich, das waren die Zeiten in deinem Leben, wo ich dich tragen musste.

Getragen zu werden, nicht gelenkt zu werden, ist das Grundgefühl des Christen, welches  sein Leben  kostbar und nicht wegwerfbar macht.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya