Be-denkens-wert vom 19.12.2009


Weihnachten 2009! Was sollen wir mit solch einem Fest noch anfangen, 2000 Jahre nach dem historischen Ereignis, wo sich unsere Welt seitdem so grundlegend geändert hat? Die einen begnügen sich mit etwas willkommener Freizeit und Partyabwechslung, andere haben es umfunktioniert zu irgendeinem Familienfest, so jedenfalls der Verlegenheitstitel in vielen Fernsehprogrammen. Nur eine Minderheit weiß noch wirklich, was es an Weihnachten zu feiern gibt. Dessen wollen wir uns neu vergewissern, das brauchen wir einmal im Jahr. Deshalb, alle Jahre wieder, laden die Kirchen ein, sich zu besinnen und vorzubereiten, damit das Fest mehr als ein äußeres Happening oder ein Placebo für innere Leere wird.

Vor wenigen Tagen ging in Kopenhagen die Weltklimakonferenz zu Ende, ein kostspieliges Mammutunternehmen mit -zigtausend klugen Delegierten, mickrig in den Ergebnissen. So wichtig die Schonung unseres Klimas, so groß die Gefahr der Erdzerstörung ist, hier wurde das Pferd vom Schwanz aufgezäumt. Denn die Zerstörung unserer Erde ist nur die Folge, dass wir nicht mehr wissen, welchen Menschen wir haben wollen. Eine Weltmenschenkonferenz wäre als erster Schritt notwendiger gewesen, um Ursache und Wirkung zu erkennen. Es geht weniger um ein technisches oder finanzielles als vielmehr um ein moralisches, menschliches Problem.

Gen- und Biotechnik, der verwaltete und gläserne Mensch, das ständige Hinterherlaufen und Vergötzen von Höchstanforderungen haben, das ständig verfügbar sein wollen, haben  den Menschen immer mehr zu einem Machwerk gemacht und ihn mehr und mehr entpersönlicht. Dieses Ziel wird geschickt getarnt durch das Versprechen, Belastungen zu überwinden, das Leben  angenehmer zu gestalten, insgesamt älter, vielleicht sogar unsterblich zu werden. Im Blick ist ein Mensch, an dem und mit dem so lange experimentiert wird, bis er durch und durch perfekt und erfolgreich ist. Wer diesem Profil nicht entspricht, wird ausgesondert, abgetrieben, für überflüssig erklärt. Täuschen wir uns nicht, der perfekte Mensch wird ein kalter, raffgieriger und einsamer Mensch sein. Er ist nicht nur weit weg von Gott, er wird auch weit weg von den Menschen und von sich selbst sein.

Eine ganz andere Sicht vom Menschen feiern Christen zu Weihnachten. Da wird nicht eine Botschaft der Selektion, des Perfekten, des Grenzenlosen verkündet, sondern eine Botschaft der Annahme in einem simplen Stall, weit weg von aller sog. Zivilisation. Weil Gott unsere Menschlichkeit angenommen hat, werden wir ermutigt und mit der nötigen Kraft ausgestattet, uns selber mit allen Grenzen und Unzulänglichkeiten anzunehmen, was wiederum die Voraussetzung ist, mit anderen ohne Dünkel, Arroganz, dem Einsatz der Ellenbogen und dem Ausspielen von Wissen zu leben.

Wer Gott über sich weiß, findet seinen Platz neben dem Anderen, nicht über ihm. Wollen wir also allen Ernstes  anfangen, unsere kränkelnde Welt mit dem geschundenen Klima, mit der riesengroßen Armut und Ungerechtigkeit wirklich zu heilen, werden wir uns zunächst vergewissern müssen, wer unser  Heil- and ist, welches der Weg zu uns selbst und zu den  Anderen sein soll. Der Weg über die Perfektion, die Machbarkeit, über das über Leichen gehen oder der Weg Jesu Christi, der über die Kranken, die Behinderten, die Besessenen, die Getretenen und die Ausgebeuteten führt. Selektion führt immer zur Ausbeutung, des Klimas ebenso wie der Ressourcen und der Menschen. Annahme macht demütig, macht vor dem Leben ehrfurchtsvoll, macht lernfähig, macht human. So war es kein Zufall, dass Gott sich in unsere Welt einmischte als ohnmächtiges Kind, in einem heruntergekommenen Stall, weit weg von allem Glitzer der Macht- und Finanzwelt.

Wenn wir an diesem Weihnachten in Ruhe bedenken, welchen Weg wir gehen wollen, beginnt langfristig wahrscheinlich mehr Veränderung als auf teuren Konferenzen. Christen bleiben dabei, überzeugt zu singen: Christ der Retter ist da.


Msgr.  Rainer Korten
Pfarrer in Antalya