Be-denkens-wert vom 30.12.2009


Ich frage mich jedes Jahr neu, woher eigentlich dieser dumme Wunsch: also dann guten Rutsch ins neue Jahr herkommt. Denn mit Rutschen verbinden wir Unsicherheit, Unkalkuliertheit, auch Gefährlichkeit und Ohnmacht, genau die umgekehrten Vorgänge, die sich ein seelisch gesunder Mensch normalerweise für sein Leben wünscht. Denn auf der anderen Seite sind wir wie kaum je zuvor  penibel darauf aus, dem Leben alle Unwägbarkeiten  und Unsicherheiten zu nehmen und lassen uns die vermeintliche Sicherheit durch den Abschluss aller möglichen und unmöglichen Versicherungen viel  kosten.

Vielleicht steckt sogar hinter diesem Spruch Realitätssinn. Gerade haben wir einmal mehr dokumentiert bekommen, wie bei allem Sicherheitswahn es trotzdem möglich ist, dass z.B. ein 23 -jähriger junger Mann 300 Menschen in einem Flugzeug in äußerste Lebensgefahr bringen konnte. Den Sicherheitsfetischisten fällt als Reaktion nur noch der Nacktscanner ein; dann haben wir es endgültig geschafft, den Menschen nackt und gläsern zu machen und zwar nicht nur äußerlich.

Woher der Wunsch nach einem "guten Rutsch" auch kommen mag, sicher ist, Christen rutschen überhaupt nicht, sondern überschreiten sehr selbstbewusst und aufrecht die Schwelle zu einem neuen Jahr. Sie wissen sehr wohl um die objektiven Gefährdungen des Lebens, denen sie ausgesetzt sind,  und sie wissen auch um die selbstverschuldeten Gefährdungen, da das Böse in der Welt nicht ausrottbar ist und sie oftmals selbst Akteure sind. Dennoch ist ihr Vertrauen immer stärker als alle Ängste, da- wie kürzlich zu Weihnachten gefeiert, Gott selbst in Jesus Christus Menschennatur angenommen hat und damit der Menschheit ein Grundkapital an Vertrauen in das Leben hinterlassen hat, das den Kampf gegen das Böse nicht wirklichkeitsfremd nur der Technik und der unmenschlichen Überwachung in allen Lebensbereichen überlässt, sondern alles fördert, was den Menschen zum Guten verändert. An erster Stelle steht die Gerechtigkeit, eine moralische Notwendigkeit. Solange die Güter dieser Erde so extrem ungleich verteilt sind, darf sich niemand wundern, wenn die Welt brodelt und zu "Vulkanausbrüchen" von Gewalt neigt.

Christen werden sich nicht verführen lassen, an die Allmacht von Kontrolle, Scannern und angeblich lückenloser  Überwachung zu glauben. Sie werden fortfahren, die Menschen auf die zeitlosen Gebote Gottes hinzuweisen, die die Kraft haben, ein Leben in  relativer Harmonie und Ausgleich möglich zu machen. Nicht umsonst werden die 10-Gebote eingeleitet durch den wichtigen Hinweis an das Volk: . denke daran, wenn du nicht wieder in Knechtschaft und Abhängigkeit geraten willst, beobachte diese Gebote . . . Also Gebote, nicht Beschränkung von Freiheit, sondern Ermöglichung von Freiheit. Das wird neu zu lernen sein.

Deshalb habe ich auch nicht vor, ins neue Jahr zu rutschen, sondern betont hoffnungsvoll und meinem Menschsein entsprechend aufrecht die Schwelle zu 2010  zu überschreiten. Ich wünsche Ihnen einen ähnlichen Übergang ins kommende Jahr.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya