Be-denkens-wert vom 07.02.2009

Wie ich mir vorgenommen habe, möchte ich während des laufenden Paulusjahres, meine Betrachtungen beflügeln  lassen eben von jenem Paulus von Tarsus, heute in der Türkei gelegen,  den man zurecht auch den Völkerapostel nennt, denn ihm verdankt  das junge Christentum zweifelsfrei seine schnelle Verbreitung in fremde Kulturen und Ländern. Weil er persönlich  eine ziemlich radikale Kehrtwendung in seinem Leben machte von einem Verfolger des neuen Weges zu einem glühenden Anhänger des auferstandenen Jesus Christus, hielt er sich nicht lange mit Nebensächlichen  und Banalitäten in seinen Schriften auf, sondern kam immer schnell zur Sache und verstand es, Ursachen und Wirkung klar zu benennen. Deshalb haben seine Schriften bis heute nicht nur überlebt, sondern sind aktuell in einer Zeit, da wir oftmals vor lauter Wortgeklingel nicht mehr wissen, wo die Glocke hängt und Geschwätzigkeit schon als Argumentation ausgeben. Es gab in der Geschichte der Menschheit wohl kaum eine Zeit, wo quantitativ so viel ge-redet zer-redet, elektronisch zigfach wiederholt wurde mit der Folge, dass Menschen sich  eben nicht als freie, selbstbewusste, durchblickende  Menschen fühlen, sondern eher manipuliert, verunsichert und orientierungslos.

Paulus kennt den Begriff des Schweigens, was aber nicht meint, nichts zu sagen. Es gibt nämlich ein beredtes Schweigen, was fein säuberlich unterscheiden kann, was Dahinschwadronieren mit der Tendenz zum Wichtigmachen ist und was heilsam für Menschen ist, denn unser Sprechen kann heilen oder krankmachen, kann Inhalt haben oder nur Verpackung sein, kann wie Sauerstoff zum Atmen sein oder schnell verfliegende warme Luft.

Soweit so gut, das ist tägliche Erfahrung, der man nicht widersprechen kann. Aber wo liegt die Ursache, dass unser Sprechen so  schrecklich banal geworden ist? Paulus sieht einen ganz engen Zusammenhang und hat damit den Nagel auf den Kopf getroffen, was viele Menschen heute nur nicht hören wollen: wer nicht mehr mit Gott sprechen kann, gleichgültig ob als Einzelner oder als Teil einer ganzen Gesellschaft wird nicht mehr viel Wichtiges zu sagen haben und die Fähigkeit zum beredten Schweigen ersetzen durch einen banalen Wortschwall, der nicht mehr ist als Wichtigtuerei oder der Vernebelung von innere Leere dient. Man mag es glauben oder nicht: der fehlende Glaube lässt zunächst die Sprache banal werden und schließlich das Leben. Anders wüsste ich nicht zu erklären, warum in einer Zeit der überbordenden Wortmengen die inneren Hohlheiten und damit verbunden die seelischen Krankheiten so zunehmen.

Seinem besten Freunde Timotheus schreibt Paulus aus dem Gefängnis gleichsam als Testament: meide also das unheilige, leere Geschwätz, denn immer mehr werden sie der Gottlosigkeit verfallen….

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 05.01.2009

Prälat Rainer KortenIch kann es mir rational nicht erklären: es ist das Paulusjahr.
Der Geburtsort des Paulus liegt in Tarsus, der heutigen Südtürkei. Paulus gehört zu den ganz großen Gestalten des Christentums, aus seinen Schriften an die ersten Gemeinden wird in fast jedem Gottesdienst an jedem Sonntag rund um den Erdball in allen Sprachen vorgelesen. Das veranlasst viele Deutsche und Pilger aus anderen Ländern, den Spuren des Paulus nachzugehen. Welche verpasste Chance für Toleranz und geistige Weite ist es da für die Türkei, der Bitte vieler europäischer  und internationaler Besucher nicht nachzukommen, und den christlichen Besuchern von Tarsus wieder eine ehemalige Kirche zugänglich zu machen, um dem Apostel Paulus nahe zu sein.

In seinem Brief an die Gemeinde von Ephesus, ebenfalls in der heutigen Türkei gelegen, schreibt Paulus bemerkenswerte Sätze, die einmal mehr zum Ausdruck bringen, welch großer Meister er war, den Kern der christlichen Botschaft zu formulieren, so dass ihn die Menschen akzeptieren konnten. Er schreibt: „Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.“ Paulus hatte Weihnachten, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus verstanden. Sein Menschenbild hatte sich um 180 Grad gewendet. Nicht mehr er fühlte sich als der große Macher, der, wenn es nicht anders ging, auch das Schwert zur Hand nahm, sondern er fühlte sich beschenkt, ja beerbt in seiner eigenen Menschwerdung durch die Menschwerdung Gottes, so dass er den Menschen von Ephesus, damals ein geistiges Minenfeld mit ständiger Explosionsgefahr, schreiben konnte: denkt immer daran zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid.

Der Aberglaube, der viele Menschen knechte und bis heute knechtet, als könne sich der Mensch selbst wie ein Münchhausen aus dem Sumpf herausziehen, war überwunden; das war ein Akt der inneren Befreiung, der das junge Christentum so anziehend machte. Jetzt gab es die begründete Hoffnung, in der eigenen Menschwerdung und Findung Fortschritte zu machen, ohne sich auf die Mittel von Gewalt, Geld, Unehrlichkeit und des über Leichen-gehens stützen zu müssen. Die Maßstäbe des Menschseins und Menschwerdens haben sich seit der Menschwerdung Jesu grundsätzlich geändert. Aller Selbsterlösungswahn, der immer wieder in der Geschichte der Menschheit auftaucht und Scherben hinterlässt, ist überwunden durch die Gewissheit im Glauben, dass der Mensch schon Jemand ist, bevor er sich selbst zu Jemandem macht. Diese Erkenntnis, wie Paulus schreibt, aus dem Geist der Weisheit und Offenbarung, macht aus der bloßen Ansammlung von Menschen auf dieser Erde Mitmenschen, macht Menschen zu Sozialwesen, wo der „Sozius“ nicht Konkurrent, sondern „Mitfahrer“ im Leben ist. Zu dieser Hoffnung fühlen sich Christen befreit und sind stolz darauf.

Prälat Rainer Korten
Pfarrer in Antalya