Be-denkens-wert vom 11.10.2009

Sehr bewegt hat die Gemeinde der plötzliche Tod einer 44-jährigen Frau.
Bedenkenswert, was am Grabe gesprochen wurde:

Es ist nahezu unmöglich, auch wenn sich Menschen schon sehr lange kennen, sich in die Welt des anderen hineinzuversetzen. Jeder bleibt eine Eigenwelt. Noch schwieriger - wenn nicht unmöglich - ist es, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, der mit 9 Jahren Diabetes bekommt, der dadurch bedingt seinen Beruf als Krankenpfleger, den er mit Leib und Seele ausfüllte, aufgeben muss, der ständig einen Kampf gegen verschiedene Krankheiten als Folge der Diabetes  führt, und dessen Augenlicht allmählich erlischt. Das schlimmste von allen schlimmen Leiden ist wohl die Erfahrung, nicht mehr sehen zu können, nicht mehr teilnehmen zu können an der Pracht der Farben und der Vielzahl der Formen. Ich spreche von der verstorbenen NN, die wir zu Grabe tragen. Ich danke Ihnen allen, die sie gekommen sind, um ihr die letzte Ehre zu erweisen und besonders  allen, die in den vergangenen  Tagen den tief betroffenen Angehörigen beigestanden haben.

Nicht schwer fiel es mir, mich ein Stück in die Seele der Verstorbenen hineinzusetzen, als sie vor wenigen Wochen am Sonntag in unseren Kirchgarten kam. Eine Operation in Deutschland hatte ihr Augenlicht wesentlich verbessert  “Ich kann wieder sehen“.

Das ist genau der Glaube, in dem wir als Christen unsere Verstorbenen zu Grabe tragen. Denn wir wissen sehr wohl, dass wir trotz teurer Brillengläser  und neuerdings vieler helfender Operationen dennoch  nur bruchstückhaft sehen, wie Paulus sagt. Unser  menschlicher Horizont bleibt klein und eng und begrenzt. Wir sind verwiesen auf Hoffnungen, müssen uns mit Vorstellungen zufrieden geben und sind schon sehr froh, wenn uns manchmal in ganz kleinen Dingen die Augen aufgehen. Wir spüren und ahnen in unseren Seelen, dass die Wirklichkeit viel größer ist, als was unsere Augen sehen können. Es ist der Glaube an Jesus Christus, den wir Christen - und eine davon war Frau NN - in unserer Seele tragen, dass wir einmal hinfinden vom Glauben zum Schauen, dass wir im Tod freudestrahlend werden sagen können: ich kann sehen, ich kann sehen die Herrlichkeit Gottes und in diesem Licht kann ich erkennen, wer ich selbst durch Gott geworden bin. Deshalb berichtet uns die Bibel oftmals von Blindenheilungen, um in uns die wache Erwartung zu stärken, dass wir auch einmal werden sagen können: ich kann sehen, wo wir jetzt noch  so oft die Erfahrung von Dunkelheit und Schatten machen.

Frau NN - und da können wir uns alle sehr gut in Sie hineinversetzen - hatte am Ende ihres 44-jährigen Lebens noch einmal das Glück und die tiefe Genugtuung, wieder sehen zu können. Sie und keiner von uns ahnten, dass es nur die kurze Vorerfahrung war von einem Glück, für immer sehend zu werden in der Herrlichkeit Gottes. Jetzt wird Sie auf ganz andere Weise noch viel freudiger  sagen können: „Ich kann sehen“!

Wir, die wir sie zum Grab begleitet haben, werden uns weiter bemühen, im Glauben an Jesus Christus  immer mehr ein Stück sehend zu werden, damit wir auch einmal werden sagen können: jetzt sehe ich klar.
NN hat den Lauf vollendet, den Glauben an das Sehen der Herrlichkeit Gottes bewahrt, jetzt wartet auf sie der Siegeskranz - wie Paulus, der ja auch hier in Antalya war,  das beschreibt. Deshalb legen wir an ihrem Grab einen Kranz nieder, ein Zeichen ihres und unseres Glaubens.

Msgr. Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 14.09.2009

In Deutschland ist Wahlkampf, und viele sagen: es ist eigentlich gar kein Kampf um die besten Argumente, sondern alle Parteien kommen in Pilzpantoffeln und Samthandschuhen daher. Insofern nicht unklug von den Parteistrategen, denn das Wahlvolk liebte immer schon mehr die schön verpackte Lüge, als die nackte Wahrheit. So wird das Blaue vom Himmel versprochen, vornehmlich natürlich soziale Wohltaten, obwohl jeder denkende Mensch genau weiß, dass die Uhr weltweit kurz vor 12 oder bereits kurz nach 12 steht und die Ursachen für krisenhafte Erscheinungen längst nicht nur auf dem ökonomischen, sondern  vielfach früher in einem  gesellschaftlichen Niedergang liegt. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass  auf dem Büchermarkt jetzt  massenweise Titel erscheinen, von denen einer fragt: warum wir hemmungslos verblöden.

Die Menschheit hat immer Mechanismen gefunden, um unliebsame Wahrheiten auszublenden. Im Altertum hat man die Überbringer schlechter Nachrichten einfach geköpft, im Zeitalter der Humanwissenschaften macht man es  vornehmer: entweder man entschärft das Übel durch Sprachverdrehungen, spült die Sprache weich, oder man leugnet und verdrängt  so lange negative  Tatbestände, bis man zum Schluss an ihre Nichtexistenz selber glaubt. Das ist in der Tat eine Art von „Verblödung“, die nicht einmal weh tut. Während im Fernsehen die Bundeskanzlerin und der Herausforderer - von den Medien hochgejubelt als Duell - seicht diskutieren, stirbt in München ein 50-jähriger Mann durch die unvorstellbar rohe Gewalt von 2 Jugendlichen, weil er mit  Zivilcourage andere junge Menschen vor Angriffen in der S-Bahn schützen wollte. Das ist nur die Spitze des eiskalten Eisberges von Verrohung und gesellschaftlichem Verfall, aber  immer noch nicht Anlass genug, um ernsthaft  nachzudenken, wohin die Gesellschaft geht, jenseits von Managergehältern, Boni und Wertpapieren. Aber dazu reichen offenbar die gesellschaftlichen Kräfte nicht mehr, und so bleibt man auch im Wahlkampf unverbindlich, oberflächlich und trotz vieler Worte nichtssagend.

Eine, von der viele den Eindruck hatte, sie überbringe der Gesellschaft oftmals schlechte Nachrichten, hat man schon „geköpft “, ich meine die christliche Religion. Sie wusste schon immer in der Theorie und oftmals in der Menschheitsgeschichte durch Erfahrung bewahrheitet ,dass ein Herabzwingen des „Paradieses“ auf die Erde die Verwüstung in den Seelen Menschen  zur Folge hat. Sie hat immer verkündet, dass der Mensch sich nicht selbst retten kann, sondern Geretteter ist. Dieses Wissen ist der einzige Schutz des Menschen vor maßloser Gier, vor unersättlicher Ausbeutung , vor einem zerstörerischen Freiheitswahn, vom Kampf jeder gegen jeden., und koste es das Leben schon im Mutterleib.
Die Unfähigkeit zur Wahrheit, die gezielte Verdrängung der Realität, die Verantwortungslosigkeit gegenüber den kommenden Generationen, die dauerhafte  Schädigung der Erde - viele wollen es nicht hören und lieben das zarte Gesäusel, beschweren sich dann allerdings laut, dass der Wahlkampf ein Krampf ist.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 05.08.2009

In der Millionenstadt  Antalya ist es in der Gluthitze des Augusts nicht auszuhalten, umso so erfrischender  im nahen Taurusgebirge. So verbringe ich einige Tage in einem kleinen, türkischen Bergdorf, wo ich morgens durch Ziegenblöken und Hühnergegacker geweckt werde und nicht durch Autohupen und Lastenwagengeräusche. Aber das Hühnergegacker ist über den  Tag so oft zu hören,  dass ich manchmal den Verdacht habe , die Hühner haben  schon die Unart der Menschen angenommen, nämlich lauthals zu gackern, ohne ein Ei gelegt zu haben.

Auf diesem Phänomen  beruhen Teile unseres   Wirtschaftssystem, Teile der Kulturlandschaft und erst recht unsere politische Wirklichkeit. Wir werden alle froh sein , wenn nach der Bundestagswahl das politische Gegackere wieder auf ein erträgliches Maß zurückfällt, zumal sich jeder Realist keine besonderen goldenen Eier verspricht, gleichgültig wer sie lauthals ankündigt.

Dieses Übermaß an öffentlichem,  äußeren  Getue und Geschreie  verführt mittelfristig den Menschen  zu der Weigerung zu glauben, dass letztlich alles auf dieser Welt ein rasches Verfallsdatum hat. Wir leben, als lebten wir ewig, wir leben mit ganz gebrochenem Verantwortungsbewusstsein, als wenn  nach uns niemand mehr käme und verbrauchen und verbrauchen , und das Versprechen nach Mehr an Leben durch mehr Güter wirkt inzwischen zerstörerisch. Wo sich in den Köpfen und Herzen das Gackern ohne das Legen eines Eis als Lebensprinzip verfestigt hat, schwindet mehr und mehr eine  Dimension des Lebens, die über das Verfallsdatum hinausreicht. So wird dann weiter diskutiert und sich erregt über die Höhe der Mehrwertsteuer, ohne noch im Blick zu haben, was dem Leben wirklich mehr Wert gibt.


Genau darüber sind sich die Christen einig, haben das teilweise durch eigene Erfahrungen verifizieren können und werden immer wieder ermuntert, durch viele Zeugen des Glaubens durch all die Jahrhunderte den Mehr-Wert des Lebens in Jesus Christus zu finden. Denn das befreit sie auch von der Angst durch die Wahrnehmung des schnellen Verfalldatums der „Lebensmittel“, weil sie eine Lebensmitte gefunden haben. Im Johannesevangelium sagt Jesus schlicht: ich bin das Brot zum Leben.

Wie groß die Angst vor dem Leben, wie zusammengeschrumpft  offenbar die Dimension, dass Leben mehr wert als die Dauerdiskussion um die Mehrwertsteuer ist, zeigt die jüngst veröffentlichte Zahl, dass Deutschland in ganz Europa  die niedrigste Geburtenrate hat. Welches Maß an Lebensunlust und Lebensverneinung!  Ich warte immer noch auf den Politiker, der im Wahlkampf mutig  ist, den Bürger etwas nach-denkens-wertes zu sagen, anstatt sich überflügeln zu wollen mit lautem  Gegackere , das aber kein gelegtes Ei freudig ankündigt.



Msgr . Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 20.07.2009

Wenn jemand einen Laden eröffnen oder ein Büro einrichten will, ist ihm ziemlich schnell klar, was er als Grundausstattung braucht, um seinen Betrieb funktionsfähig zu machen. Vielleicht gibt es einen Zusammenhang, dass wir einerseits immer genauer wissen oder uns durch Fachleute beraten lassen, was zur äußeren Grundausstattung gehört und andererseits der Eindruck wohl nicht falsch ist, dass immer weniger Menschen wissen, was zur Grundausstattung des Lebens gehört. Denn es werden immer mehr, die unfähig sind, ihr Leben und als Folge davon auch das Leben der anderen als unverletzlich, als gehaltvoll, als wertvoll zu erleben. Die Anreize, um vor sich selbst und vor anderen bestehen zu können, müssen immer höher dosiert werden, die Zeitabstände werden kürzer, dass man sich einen neuen Schuß zur Lebensbewältigung geben muß, die Wartezimmer der Ärzte und Seelendoktoren sind voll, die Kosten nicht mehr bezahlbar. Diese seelischen Hohlräume sind Folge, wenn der Mensch nicht mehr weiß und vielleicht auch nicht mehr gesagt bekommt, was zur wirklichen  Grundausstattung seiner Existenz gehört jenseits aller äußeren Mittel. Viele gesellschaftlichen Tendenzen zeigen an, was passiert, wenn Menschen nur noch den äußeren Mitteln hinterherlaufen und um die Mitte ihres Lebens nicht mehr wissen.

Das kann dem gläubigen Christen nicht passieren. Denn er weiß im Glauben: die Grundausstattung seines Leben braucht er sich nicht selbst zu  besorgen, sondern die ist ihm von seinem Schöpfer als kostenlose Gabe bereits mit gegeben. An diese Grundausstattung des Lebens erinnert der Apostel Paulus in seinen Briefen die jungen Gemeinden immer wieder. Er wusste aufgrund seines eigenen Lebensweges, wovon er redet. Zunächst nur auf eigene Kräfte bauend, sich selbst zum Maß machend, Andersdenkende verfolgend, erkannte er  nach seiner Bekehrung die Einzigartigkeit jener ohne Zutun empfangenen göttlichen Grundausstattung, dass wir Menschen  nicht Zufallsprodukt, sondern von allem Anfang erwählt sind, dass wir Söhne und Töchter Gottes sind, dass uns Gott in Jesus Christus den ganzen Reichtum seiner Gnade geschenkt hat, dass das Leben kein Rätsel mit 7 Siegeln bleiben muß, sondern wir mit der Fähigkeit ausgerüstet sind, zu erkennen, wohin unser Leben führt, dass wir- wie er sagt - Erben sein werden. Das Wort Erben in Zusammenhang mit der Grundausstattung unseres Lebens finde ich besonders trostvoll.

Das Gefühl des Eigenwertes, das gesunde Selbstvertrauen, das Wissen um eine hoffnungsvolle Zukunft als Früchte der uns von Gott gegebenen Grundausstattung zum Leben, ist nicht nur für uns selbst ein Gewinn, sondern auch für andere. In ihnen erkennen wir schnell ebenfalls derart Beschenkte, denen wir nur in Respekt, begegnen können, deren  Leben von allem Anfang an und bis zum Ende unantastbar und unverletzbar ist und mit denen wir auf gleicher Augenhöhe in Solidarität zusammenleben können.

Viele bräuchten heute nicht so krampfhaft mit immer neuen Ablenkungen um die Grundausstattung im Leben zu kämpfen, wenn sie darum wüssten, mit welchen festen Zusagen sie durch Gott bereits grundausgestattet sind. Darauf lässt sich Leben aufbauen, dann kann uns Leben nie ver-leidet werden, zum Leid werden, sondern bleibt  heilsame Freude und Dankbarkeit.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 16.06.2009

Ein letztes Mal soll der Apostel Paulus im Mittelpunkt meiner Gedanken stehen, denn am kommenden Fest Peter und Paul, am 29. Juni wird das Paulusjahr offiziell mit einer festlichen Messe in St. Peter in Rom zu Ende gehen, nachdem am Tage zuvor schon in St. Paul vor den Mauern in Rom Papst Benedikt mit einer Vesper im Beisein des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus von Konstantinopel  das Paulusjahr beschließt.

Was bleibt? Für mich ist es einmal die Begegnung mit zahlreichen deutschen und vor allen Dingen auch österreichischen Gruppen, die in die Türkei kamen und den Spuren des Paulus nachgingen und meistens zu einem Abschlußgottesdienst in unserem St. Nikolaus-Kirchlein einkehrten. Ich erlebte Menschen aller Altersgruppen, die zunächst erstaunt waren über die vielen historischen Orte in der heutigen Türkei, die mit dem Namen des Völkerapostels verbunden sind. Ich erlebte Menschen, die mir immer wieder sagten:
die Beschäftigung mit dem Glaubensverkünder Paulus und das Sehen der dazu passenden Orte hat mich selbst in meinem Glauben gestärkt. Zu oft wird unser Glauben geschwächt durch vielerlei Nebensächlichkeiten und Banalitäten, mit denen sich Kirche und Gemeinden daheim abgeben. Die intensive Beschäftigung mit Paulus hat meinem Glauben wieder Konturen gegeben, die mich hoffentlich hindern werden, im Chor der  öffentlichen Belanglosigkeiten und Oberflächlichkeiten mitzusingen;  dort nämlich sähen Teile der medialen und politischen Öffentlichkeit  gern den Aufenthaltsort der Kirche. Paulus ist wenig geeignet zum Weichspülen von gesellschaftlichen Sünden, sondern vielmehr  als Mutmacher zum Glauben, der das Böse durch das Gute besiegt. Paulus ist wenig geeignet, Placebos und Heftpflaster bei seelischen Verirrungen  zu verteilen, sondern er ermuntert, persönliche aber auch gesellschaftliche Wunden von innen heraus, und damit dauerhaft, zu heilen. Soweit Stimmen zusammengefasst von Besuchern. Mein Eindruck: nicht wenige kamen verunsichert durch die Erfahrungen, die sie in Deutschland und Österreich mit einem lahmenden Glauben machen und sind gestärkt wieder zurückgekehrt.

Auch für uns, die wir in der Türkei leben, war das Paulusjahr ein Gewinn. In bester Erinnerung haben wir die offizielle Eröffnung in Tarsus im Juni 2008, anhand von Filmen haben wir uns intensiv mit der Gestalt des Paulus beschäftigt und hören jetzt mit viel geweiterten Ohren, wenn es am Sonntag im Gottesdienst heißt: Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus in die Gemeinde von Ephesus, Korinth, Rom u.a.
Rainer Korten
Pfarrer in Antalya