Be-denkens-wert vom 04.11.2010

An Warnungen hat es der Menschheit nie gefehlt. Waren es im Alten Testament die Propheten, die die Herrschenden, aber auch das Volk, immer wieder gewarnt haben, die Kleinen nicht auszubeuten und zu unterdrücken; die Ergebnisse waren oft mager. Waren es im Mittelalter die Boten, die schlechte Nachrichten überbrachten - man hat sie geköpft und meinte, damit die schlechten Nachrichten erledigt zu haben. Sind es in unseren Tagen die vielen Warnungen, die täglich in Gutachten, Studien, Umfragen, Konferenzen und ähnlichen Instrumenten in die Welt gestreut werden, warum bewirken sie nichts? Wir haben kein Informationsdefizit, im Gegenteil wir sind so gut informiert wie keine Generation vor uns, wir haben ein Glaubensdefizit. Sie lesen richtig!   Wo eine Welt, eine Zukunft ohne Gott gebaut werden soll, wo Menschen aufhören, vom Ziel her zu denken, solange wird die Wirkung von Warnungen gleich null bleiben.
 
In diesem Sinn  berichtet die Bibel von jenem Zwiegespräch des Lazarus mit dem Abraham, wo dieser sagt, dass man selbst dann nicht hören würde, wenn Tote aus dem Totenreich zurückkämen. Wenn Menschen unfähig sind, vom Ziel  her zu denken, mutieren sie zu kurzfristigen Krisenmanagern, die die Spitzen von Krisen im günstigsten Fall etwas abmildern, aber deren Ursachen nie beheben. Keine Perspektiven aus dem Glauben zu kennen, bedeutet auch keine letzten Verantwortlichkeiten zu kennen, denn wer wirklich Verantwortung trägt, muss wissen, wem er mit seinem Tun oder Nichttun antwortet. Wenn man den nicht mehr kennen will, bleibt als Überlebensstrategie nur das Wursteln und kurzfristige Krisenmanagement übrig.
 
Diese  Erkenntnis ist beileibe nicht neu, sowohl biblische Texte des Alten wie des Neuen Bundes sind voll von Geschichten, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. Leider beschäftigen wir uns in der Kirche zu oft mit  vier- und fünftrangigen Themen, anstatt die Schätze der Hl. Schriften zu heben, die helfen, vom Ziel her erkennbare Zusammenhänge wahr-zunehmen, die das Wursteln und das Dauerkrisenmanagement beenden. Dann werden wir Menschen auch wieder das gute Gefühl haben, selbst das Ruder in der Hand zu haben, anstatt orientierungslos auf hoher See zu treiben.

Msgr.Rainer Korten  
Kath. Pfarrer in Antalya