Be-denkens-wert vom 26.11.2010

Für den Vortrag des Meisters über die „Zerstörung der Welt“ wurde viel Voraus-Reklame gemacht, und eine große Menschenmenge versammelte sich auf dem Gelände des Klosters, um ihm zuzuhören. Die Ansprache war in weniger als einer Minute beendet. Er sagte nur: „Folgendes wird die menschliche Rasse vernichten":

Politik ohne Prinzipien,
Fortschritt ohne Mitleid,
Reichtum ohne Arbeit,
Lernen ohne Stille,
Religion, wenn sie nicht furchtlos ist
Verehrung ohne Bewusstsein.“

Wenn diese Beobachtungen  stimmen, sind wir geradewegs auf der Straße der Selbstzerstörung. Dass vieles daran stimmt, wissen manche „Meister“, und ahnen viele normale Bürger. Ihr Unwohlgefühl nimmt zu, ihr Protest artikuliert sich immer lauter und immer öfter. Waren es vor 30 Jahre nur vereinzelt dem Leben gegenüber Misstrauische, die sagten, in solch eine Welt könne man doch keine Kinder setzen, hat sich der Kampf gegen das Kind inzwischen so verfestigt, dass gerade in diesen Tagen die Agenturen  mit der Meldung kamen, dass in Deutschland im Jahr 2009 so wenig Kinder geboren wurden wie nie zuvor und nirgendwo anders in Europa.

Die Christenheit bereitet sich in den 4 Wochen des Advents vor auf die Geburt eines Kindes, das sich erwiesen hat als Quelle alles Sinnes, als die Hoffnung auf Zukunft, als Leben im Tod. Durch all die Jahrhunderte haben unzählig viele Menschen Kraft geschöpft, dem Leben zu trauen, weil in diesem Kind Gott selbst Mensch wurde.

Hat die europäische Christenheit die Kraft verloren, furchtlos diese Wahrheit zu verkünden, und so ihren erheblichen Anteil an dem Misstrauen gegenüber dem Leben, was sich inzwischen  in Zahlen ausdrückt, nachdem bereits lange zuvor die Seelen erkrankt waren?  Mich macht es nachdenklich und froh zugleich, wenn ich die vielen Kinder und Jugendlichen in der Türkei erlebe. Ich weiß, es ist fast  wirklichkeitsfremd, Menschen einzuladen, die Adventszeit als „stille Zeit“ zu nutzen, aber jener Meister hat Recht: Lernen ohne Stille gibt es  nicht. Wenn wir wirklich lernen wollen, damit wir Zukunft haben, werden wir dem sinnlosen, vorweihnachtlichen Klamauk abschwören müssen, denn auch da hat der Meister Recht:  wenn wir  den wirklich  verehren wollen, der der Menschheit durch seine Menschwerdung Zukunft eröffnet hat,  geht es nicht ohne neues Bewusstsein.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya