Be-denkens-wert vom 01.02.2010

Es ist auf-schluß-reich, wahrzunehmen, wie tief unsere Lebenswurzeln reichen, auch wenn wir das gar nicht mehr wollen oder erkennen. Das furchtbare Erdbeben in Haiti ist inzwischen aus den Schlagzeilen der Medien wieder verschwunden, zurückgeblieben ist bei mir Frage, warum in solchen Extremfällen der Mensch dann doch wieder zurückgreifen muß auf alte Bilder, die offenbar tief in seiner Seele ruhen. Sämtliche Medien, nicht unbedingt im Ruf stehend, dem Religiösen besonders aufgeschlossen gegenüber zu sein, nannten die Erlebnisse in Haiti unisono eine Hölle und jedes Mal, wenn man nach Tagen, noch lebend eine Person aus den Trümmern heraus retten konnte, tat man sich leicht, das Wort Wunder in den Mund zu nehmen. Hölle und Wunder sind nun zwei Worte aus dem religiösen Wortschatz und besonders die, die Religion inzwischen auf dem Abfallhaufen der Menschheitsgeschichte deponieren möchten, gebrauchen Worte aus dem religiösen Wort-schatz, offenbar weil die nüchtere Sprache, geprägt von Technik und oberflächlichem Alltag nicht ausreicht, um menschliche Erfahrungen zu beschreiben, die so massiv die Seele erschüttern, dass man auf Bilder zugreifen muß, die jenseits unseres materialistischen und technikgläubigen Weltbildes liegen.

Im normalen Alltag  haben wir gelernt, und so hat man uns auch gelehrt, kleinere Erfahrungen von Wundern und Hölle zu verdrängen, zu leugnen und mit allen Mitteln weichzuspülen, bei fast apokalyptischen Erfahrungen klappt dieser Verdrängungsmechanismus nicht mehr, da werden wir hingestoßen, auch wenn wissenschaftlich erklärbar, von Wundern zu sprechen, und wenn wir jede Form von Religion ablehnen, das Wort Hölle in den Mund zu nehmen. Hier kommt schon in unserer Sprache zum Ausdruck - und die Sprache ist ein nur Spiegel unserer Seele, - wie tief in uns die Gewissheit schlummert, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, für die nur das Wort Wunder ausreicht bei aller rationalen Erklärungswut und umgekehrt das Wort Hölle nicht übertrieben ist bei aller indifferenten Gestaltung unsres Lebensalltages.

Es ist höchst erfreulich, wie tief sich Menschen von der Not anderer bewegen lassen und helfen, es ist aber auch bedenkenswert, was solch ein furchtbares Geschehen in den Seelen der Menschen auslösen kann, dass sie sich nicht scheuen von der Hölle und von Wundern zu sprechen. Die Verwendung beider Begriffe sagt viel mehr aus, als sich vielleicht die Verwender bewusst waren, denn beide Worte offenbaren eine größere Dimension unseres Menschseins, positiv wie negativ,  jenseits von dem, was wir als end-gültige und komplette  Realität wahrzunehmen meinen.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya