Be-denkens-wert vom 14.02.2010

Mich erstaunt immer wieder, welchen Menschheitsschatz an Weisheit die Religionen durch die Jahrtausende aufbewahren, während ich heute täglich angeblich neue Erkenntnisse geboten bekomme, deren Haltbarkeitswerte von 12 Uhr bis Mittag dauern. Weil das alles so kurzatmig und blass ist, reagieren viele Menschen immer hysterischer auf einzelne Ereignisse. Bespiel: vor einigen Wochen wurden mögliche Szenarien der Schweinegrippe in die Welt gesetzt, heute sitzt die Regierung auf Millionen Dosen von Impfstoff und hat Millionen von Euro in den Sand gesetzt. Diese künstlich erzeugten Hysterien entstehen nicht zufällig in der Gesellschaft. Sie haben einen Nährboden.

Im Weisheitsschatz der buddhistischen Lebensphilosophie findet sich diese simple Geschichte: Ein Mann traf auf einem Feld einen Tiger. Dieser griff ihn an, und der Mann lief davon. Auf der Flucht kam er an einen Abgrund, stolperte und begann herunterzurutschen. Er streckte die Hand aus und bekam einen kleinen Erdbeerbaum zu fassen, der an dem Steilhang wuchs. Dort hing er einige Zeit zwischen dem hungrigen Tiger und dem gähnenden Abgrund, in dem er wohl bald den Tod finden würde. Plötzlich erspähte er eine saftige Beere an dem Erdbeerbaum. Er hielt sich mit der einen Hand an dem Baum fest, pflückte mit der anderen die Erdbeere und steckt sie in den Mund. Noch nie im Leben hatte ihm eine Erdbeere so süß geschmeckt. Das Wissen um den Tod gibt dem Leben des Erleuchteten die Süße.

Genau diese zeitlose Erfahrung bedenken die Christen in der kommenden Vorbereitungszeit auf Ostern, der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt. Es ist bodenlose Dummheit, wenn man in Europa das Kreuz aus der Öffentlichkeit immer mehr entfernen will. Die Folge ist die vermehrte Anfälligkeit für Angst und Hysterie. Jeder Mensch kennt wohl die Erfahrung, wenn er sie nicht krankheitshaft verdrängt, mit seinem Leben zwischen der schnell  vergehenden Zeit, die ihn verfolgt und dem Abgrund des Todes zu hängen. Das Wissen um den Tod gibt dem Leben des Erleuchteten erst die Süße. Deshalb beginnen kath. Christen am Aschermittwoch, sich bewusst das Zeichen der Vergänglichkeit - die Asche- aufs Haupt streuen zu lassen und verinnerlichen dann 6 Wochen, indem sie intensiver auf das Kreuz Jesu Christi schauen, den Abgrund des Todes, immer aber in der Gewissheit, dass dem Karfreitag der Ostertag folgt. Das Wissen um den Tod gibt dem Erleuchteten die Süße. Diese Lebens - Süße  kosten Christen am Ostermorgen voll aus und stärken sich damit gegen alle Anfälligkeiten von Hysterien und Panik.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya