Be-denkens-wert vom 28.02.2010

Was mir und auch  vielen anderen in Antalya besonders gut gefällt, ist die Tatsache, in einer modernen Millionenstadt mit angenehmer Infrastruktur, mit großen erstklassigen Hotels, mit zahlreichen Resten einer vergangenen Kultur, mit einem wunderbaren Mittelmeer vor der Tür zu leben und dennoch immer wieder auf kleine Zeichen mit großer Symbolkraft zu stoßen, wie man sie eher in dörflicher Umgebung vermutet. So gibt es in der Millionenstadt mehrere Stellen, wo große Bäume mitten auf der Straße stehen,  der Verkehr sich rechts und links an den Bäumen vorbeischlängelt, niemand daran Anstoß nimmt und das auch nicht als Verkehrshindernis sieht. Ferner begegnet man mitten in der Stadt Hunden und Katzen, und manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Tiere sorgfältig rechts und links schauen, bevor sie die Straße überqueren. Auch das ist kein Märchen: ich sah eine Henne mit ihren Küken auf der belebten Atatürk- oder auch Palmenstraße ruhig dahin ziehen. Auffällig war: niemand schaute sich um, es gehört zum Alltagsleben in der Millionenstadt Antalya. Obwohl an diese liebenswerten Details inzwischen gewöhnt,  traute ich meinen Augen nicht, was ich auf der Fensterbank unseres Gemeindehauses sah, ebenfalls mitten in der Großstadt gelegen. Um unsere Außenwände einigermaßen sauber zu halten, hatten wir die Außenfensterbretter mit Nägeln versehen, welche die Tauben von einem „Besuch mit Folgen“ abhalten sollten. Zwischen den Nägeln hat inzwischen eine Taube ihr Nest gebaut und das erste Ei liegt bereits drinnen.
 
taubenei
 
Welch ein Wille zum Leben, trotz ungünstigster Rahmenbedingungen. Solche und anderen kleinen „Wunder“ gibt es in der Millionenstadt Antalya viele; hier lebt man in keiner sterilen, kalten Großstadt, sondern in einer noch gesunden Balance von dem, was das modere Stadtleben einerseits fordert und dem, was andererseits mehr als nüchterne Funktion einfach nur schön und das Herz erfreuend ist. Das Nest zwischen den Nägeln - dieses Bild begleitet mich seit Tagen.

Vielleicht etwas weit hergeholt, aber  mich inspirierte dieses unscheinbare Naturschauspiel zu kühnen Assoziationen. Gibt es nicht im Leben viele „Nägel“, die uns das zufriedene Niederlassen schwierig machen, die zum Stachel im Fleisch werden können, die uns unbequem sind und die uns die Lebensfreude rauben können. Bleibt die Frage: wie kann ich mir trotz dieser Erfahrungen die unbändige Freude am und zum Leben erhalten? Die Fastenzeit soll genau diese Frage helfen zu klären, - und dabei kann Verzicht sehr hilfreich sein,- damit Ostern viel mehr als ein Datum im Kalender ist, sondern ein neuer innerer Impuls, trotz aller „Nägel des Alltages“ dem Leben zu trauen und mutig voranzugehen in der Gewissheit des Glaubens, nicht dem Tod, sondern dem vollen Leben in Gott entgegen zu gehen.

Der Wille zum Leben wird schwach trotz aller medizinischen und psychiatrischen Fortschritte, trotz aller teuren Krankenkassen und Versicherungen, wenn der österliche Glaube fehlt. Denn inmitten aller  “Lebensnägel“ ein Zeichen für die Unstillbarkeit der Sehnsucht nach Leben zu setzen, ist der Grund für Christen, Ostern zu feiern.                                                                   

Rainer Korten                                                                  
Kath. Pfarrer in Antalya