Be-denkens-wert vom 28.04.2010

Wenn das eigentliche Osterfest seit Wochen vorüber ist und nichts mehr in der Öffentlichkeit an die Feier erinnert, bleiben die Christen hartnäckig, und denken volle 50 Tage an die Auferstehung Jesu. Denn Sie wissen zu gut, was innerseelisch zur reifen  Frucht wachsen soll, braucht Zeit, braucht immer wieder neue meditative Zugänge, braucht ein Hinabsteigen in die Tiefe. Oberflächlichkeit ist der Tod aller heilenden Vorgänge in der Seele.  

Es fällt auf, dass der Evangelist Johannes in seinem Evangelium eine Begegnung der Jünger mit dem auferstandenen Jesus  an den See von Tiberias verlegt. Historische Tatsache, Zufall, beabsichtigter Hintergrund? Ich erinnere mich einer Geschichte. Ein Hirt saß bei seiner Herde am Ufer eines Sees, der am Rand der Welt liegt. Wenn dieser Hirt Zeit hatte, schaute er über den See und spielte auf seiner Flöte. Eines Abends kam der Tod über den See und sagte: „Komm mit mir auf die andere Seite, oder hast Du Angst?“ „Warum Angst?“, fragte der Hirt. „Ich habe immer hinübergeschaut über den See, seit ich hier bin. Die andere Seite ist mir nicht unbekannt.“ Da legte ihm der Tod die Hand auf die Schulter, der Hirt stand auf und fuhr mit ihm über den  See, als wenn nichts wäre. Das Land am anderen Ufer war ihm nicht fremd, und die Töne seiner Flöte, die der Wind hinübergetragen hatte, waren noch da.  

Interessant: wir sprechen heute von einem Kirchen-schiff oder singen fröhlich: ein Schiff, das sich Gemeinde nennt. In der Tat, in den Kirchenschiffen dieser Welt sitzen all jene Menschen, die Sehnsucht haben, einmal an das andere Ufer hinüberzufahren. Das andere Ufer ist ihnen nicht fremd, denn jedes Osterfest, das sie in ihrer Lebenszeit feiern, lässt sie schon einmal hinüberschauen an das andere Ufer. Die andere Seite ist ihnen nicht fremd, und was ihnen nicht fremd ist, macht ihnen auch keine Angst. Deshalb haben unsere Vorfahren, deren Seelen noch empfindsamer waren, Kirchenschiffe mit großer Ehrfurcht Stille, Andacht betreten im Gegensatz zu den modernen Vandalen, die durch die Kirchenschiffe  pflügen und höchstens noch einmal einen flüchtigen  Blick für ein Kunstwerk haben, aber deren Seelen völlig unsensibel bleiben für die österliche Botschaft von der Herrlichkeit des Lebens, die Gott uns bereitet.  

In den Kirchenschiffen sammeln sich jene, die sich die Sehnsucht bewahrt haben, einmal „hinüberzufahren“, wenn der Tod die Hand auf die Schultern legt. Wir Deutschen sprechen dann von der „letzten Reise „ antreten, die Angelsachsen sprechen von „depart“, vom „abreisen“. Der Christ weiß, wohin er reist, denn er hat mit jedem gefeierten Ostern einmal mehr „hinübergeschaut“ auf das andere Ufer, wohin Christus vorausgegangen ist, so dass ihm diese Reise keine Angst macht, weil ihm das Ziel nicht fremd ist. Und die Ostermelodien, die der Wind schon hinübergetragen hat, wird er wieder erkennen.                                              

Rainer Korten                                            
Kath. Pfarrer in Antalya  

ikone

Die Ikone von Mihail Holosnjaj zeigt Petrus und Paulus eine Kirche tragend,
gleichsam einem Schiff mit einem Haupt- und 2 Seitenschiffen.