Be-denkens-wert vom 17.05.2010

Unser christliches Pfingstfest führt ein vergleichbar kümmerliches Dasein. Kein spezielles Brauchtum, ich kenne eigentlich nur jenen römischen Brauch, dass zu Pfingsten im Petersdom aus der Michelangelo-Kuppel Säcke mir roten Pfingstrosenblättern ausgeschüttet werden, die gleichsam den in den biblischen Texten erwähnten Feuerzungen auf die Leute herabkommen.  

Hat sich um Weihnachten - ein neugeborenes Kind ist immer aufregend - und um Leid und Tod – auch das liegt uns erfahrungsmäßig nahe und Auferstehung  ein reiches Volksbrauchtum entwickelt, so ist Pfingsten ziemlich nackt geblieben. Das Kind sehen wir, Leid , Tod spüren wir, aber was ist Geist? Und dann noch dazu Heiliger Geist? Das ist fast zuviel Abstraktion? Ich denke nicht, denn auch da haben wir unsere Erfahrungen. Wir spüren schnell, ob wir es mit einem geist-losen oder einem geist-vollen Menschen zu tun haben. Geistlose Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass wir nicht so gern in ihrer Nähe sind, denn sie reden viel, ohne etwas zu sagen, sie reihen Banalität an Banalität, sie langweilen. Wir kennen die Ausdrucksweise: der geht mir auf den Geist. Gern dagegen hält man sich im Kreis von geistvollen Menschen auf. Diese verstehen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, sie überlegen, bevor sie reden, sie scheuen sich nicht, ihre Überzeugungen mitzuteilen. Geistvolle Menschen haben die Fähigkeit, geistige Anstöße für andere zu geben, geistvolle Menschen reden spannend und können - wie wir im Deutschen so treffend  sagen: be-geist-ern. Sie sind das Gegenteil von Langeweilern. Geistvoll-geistlos- das sind die beiden  äußersten Flügel, die meisten von uns leben irgendwo dazwischen.. Selbst wenn wir uns  zur Kategorie der Geistvollen zählten, würden wir schnell merken, was der Geistlose gerade nicht merkt, dass viele Dinge und Zusammenhänge unseren menschlichen Geist bei weitem übersteigen.

Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, da kommt unser Geist schlicht an die Grenzen. Deshalb sagt Jesus, als er die Sendung des Hl. Geistes ankündigt: er wird euch in die ganze Wahrheit einführen…Alle unsere geistigen und geistlichen Bemühungen sind begrenzt, wie eben alles in dieser Welt. Da muß schon ein anderer Geist wehen, um uns auf-zu-klären: das meint, um uns etwas klar zu machen, was wir allein nicht erkennen können. Paulus hat vor 2000 Jahren in einem Brief an die Gemeinde von Korinth geschrieben , vielleicht hier irgendwo in dieser Gegend ist ihm das Bild eingefallen, das er so ausgedrückt:…“ jetzt sehen wir wie in einem Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber werden wir von Angesicht zu Angesicht schauen.“

Wer die Welt und den Menschen im Geist Gottes sieht, der sieht viel mehr ,als nur die nüchternen Dinge, die Materie,  der sieht- bildlich gesprochen,- dass selbst an einem Regen verhangenen Tag darüber die Sonne scheint, der sieht in einer hässlichen Raupe von heute den schönen Schmetterling von morgen. Der von Gottes Geist erfüllte Mensch kennt nicht das Wort sinn-los, kennt  nicht das Wort vom Leben als der Tretmühle, macht sich nicht das Bild zu eigen von einer Maus, die im Laufrad läuft, er muß nicht im Sterben von“ Löffel abgeben“ oder von „Abkratzen“ sprechen. Diese Sprache verrät abgrundtiefe Geistlosigkeit. Da sprechen geistvolle Menschen von „ heim -oder hinübergehen“, von „vollenden“ von“ ruhen:“ Sie können so geistvoll reden, weil sie eben der ganzen Wahrheit vertrauen, in die der Geist Gottes führt, die Wahrheit, dass jeder Einzelne gewollt ist , wir kein namensloses Massenprodukt von der Stange sind, und dass uns einmal die Augen aufgehen, wenn wir sie auf der Erde schließen, damit wir von Angesicht zu Angesicht sehen 

Die Heiden-angst, die Menschen und ganze Gesellschaften immer wieder befällt, so dass sie sich dann nur noch von Krisen umgeben sehen, -das meist gebrauchte Wort im Deutschen Fernsehen ist das Wort Krise--  folgt auf dem Fuß kollektiver Geistlosigkeit, obwohl es viele „kluge“ Analysten geben mag, weil sie eben nicht mehr die ganze Wahrheit sehen können, sondern nur noch partielle, rein diesseitige  Blinkwinkel  und  Wahr-nehmungen haben. Wer sich vom Geist Jesu leiten lässt, der hat in seiner Seele hinreichend Platz für Vertrauen und Hoffnung, für Überraschungen und Spontanes, für das Schöne und die Krisen, für  das Genießen und das Verzichten, für das pralle  Leben mitten umfangen vom Tod. O, komm herab du heiliger Geist, so werden wir singen, damit wir zu geist-vollen Menschen werden, und uns nicht Heidenangst befällt. 

Geistvolle Menschen  braucht unsere Welt, und wir brauchen sie, denn neben ihnen  lässt man sich gern nieder. 

Prälat Rainer Korten   
Pfarrer in Antalya