Be-denkens-wert vom 12.06.2010

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Ansprache von Pfarrer Weingärtner auf dem Soldatenfriedhof in Istanbul

Als Pfr. Korten mich bat, hier auf dem Gelände der deutschen Botschaft eine Andacht zu halten, da war die kleine Kirche unten neben der Sommerresidenz dafür vorgesehen. Die aber wird gerade renoviert, und nun  stehen wir hier oben unter dem schlichten Holzkreuz auf dem Soldatenfriedhof.  Da kommt eher die Stimmung des Volkstrauertages auf. Was sind die Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg, die hier liegen. Sind sie Helden oder Opfer? Ich zitiere einige Verse aus dem 27. Psalm
 
Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert,
so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht;
wenn sich Krieg wider mich erhebt,
so verlasse ich mich auf ihn.

Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang,
HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und erhöre mich!
Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
HERR, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn.

Noch einmal die Frage: Helden oder Opfer?
Ich erinnere mich an den 1.Gottesdienst zum Volkstrauertag als junger Pfarrer in meiner Dorfgemeinde im Spessart. Fast 40 Jahre ist das her. Da waren vor allem 2 Gruppen im Gottesdienst und danach bei der Gedenkfeier am Ehrenmahl.

Einerseits standen da sehr aufrecht die Veteranen. Sie dachten an die gefallenen Kameraden, die wohl eher Helden für sie waren. Man sprach ja vom Heldentod und manchmal auch noch vom Heldengedenktag. Gerne hätten Sie – wie wohl bei meinen Vorgängern – am Schluss des Gottesdienstes das Lied vom guten Kameraden von der Orgel gehört. Dem konnte ich nicht entsprechen, dafür spielte der Organist „O Haupt voll Blut und Wunden“.

Und dann standen da – eher ein wenig gebeugt – die Kriegerwitwen und auch noch einige Halbwaisen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie Gedanken an Helden und Heldentod bewegte. Sie empfanden noch immer den tiefen Verlust. Sie hatten Opfer gebracht, waren selbst – oder zumindest die Ehemänner und Väter – Opfer geworden.

Und wieder die Frage, die sich mit besonders auf Soldatenfriedhöfen und an Ehremahlen stellt. Was sind diese Gefallenen: Helden oder Opfer?

Und wo ist Gott? Sein Zeichen ist das Kreuz, das hier so eindruckvoll in seiner Schlichtheit aufragt. Gott ist immer bei den Opfern und wird am Ende selbst zum Opfer. Zerrieben zwischen den Fronten, an denen sich die Helden gebärden. Wenn Gott Frieden macht, dann produziert er keine Opfer – er opfert sich selbst. Das ist der andere Weg. Der Weg des Christus. Er ist der absolut gewaltlose Held. Er weiß – und das wird in Gethsemane deutlich: Wer Heldenmut mit Gewalt unter Beweis stellt, der produziert auch stets Opfer.

Schon im Alten Testament wird der kommende Retter, der gleichzeitig der leidende Gottessohn ist. mit folgenden Titeln benannt: Gott – Held, Ewig Vater – Friedefürst.

Wenn denn das Kreuz des Christus auf den Soldatenfriedhöfen ernst genommen wird und nicht nur schmückendes Beiwerk ist, dann sind Soldatengräber die größten Prediger des Friedens. Eines Friedens, der keine Opfer mehr braucht. Der Christus verzeiht am Kreuz den Feinden und überschüttet sie nicht mit Hass. Und einen verzweifelten Übeltäter nimmt er mit sich mitten hinein ins Paradies. Der so redet und handelt, liebe Geschwister, ist der Held und der Friedefürst. Beten wir deshalb zum Friedefürsten:

Um deine Kraft zum Frieden bitten wir, guter Gott:
Wir erkennen dankbar, daß es unter uns Menschen gibt
- einflußreiche und unbekannte -,
die Spannungen überbrücken,
die nicht aufhören zu verhandeln,
die überall den Frieden suchen.

Um deine Kraft zum Frieden bitten wir, guter Gott:
Um den Mut, allen entgegenzutreten,
die an gewaltsame Lösungen denken,
die mit Gedanken an Krieg ihr Spiel treiben,
die durch spannende Schilderungen den Krieg verharmlosen.

Um deine Kraft zum Frieden bitten wir, guter Gott:
Möchten wir noch mehr darauf achten,
wo wir - persönlich und als Deutsche - uns zu breit machen,
wo Unsicherheit in der eigenen Überzeugung uns dazu verleitet,
in Andersdenkenden Feinde zu sehen.

Um deine Kraft zum Frieden bitten wir, guter Gott:
Daß wir die schrecklichen Folgen der Kriege
nicht vergessen oder verschweigen;
daß wir eintreten für Versehrte und Verstörte,
für die Opfer trennender Grenzen,
für die Minderheiten und Flüchtlinge -
daß wir sie verstehen und unter uns aufnehmen.
Um deine Kraft zum Frieden bitten wir, guter Gott.


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