Be-denkens-wert vom 27.06.2010

Da ich katholisch bin, kann ich meine Hand dafür nicht ins Feuer legen, aber das Lied mit den meisten Strophen (15) im Evgl. Gesangbuch ist wohl  jenes von Paul Gerhardt (1653):  Geh´aus mein Herz und suche Freud´ in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben . . . . 

Wer Freude an den Gaben Gottes sucht, kann sie in Antalya zuhauf finden. Da sind nicht nur Sonne und Meer in Fülle, da sind die Früchte- und Gemüsemärkte, die von Düften und Farben der Früchte überquellen, und wenn mein Herz dann immer noch Freude sucht, gehe ich zum Strand, wohlgemerkt nicht zum Touristenstrand, sondern zum Strand, wo die Bürger Antalyas ihre Freizeit verbringen. Was sich da den Augen bietet, ist Freude pur. Singles sieht man überhaupt nicht, Pärchen selten, dafür aber Familiengruppen, oftmals so um die 10 Personen verschiedener Generationen; da versucht der Großvater der Enkelin das Schwimmen beizubringen, der Vater lässt mit dem Sohn Drachen steigen, die Kontakte zu den anderen Gruppen sind fließend, man ist sehr kontaktfreudig, die zahlreichen Kinder und Jugendlichen kreischen und flegeln nicht, die Großmütter beobachten das Geschehen im Wasser vom Strand aus, kümmern sich darum, dass der Tee kocht und die Melone gekühlt wird, viele der jüngeren Frauen kümmern sich um ihre Kleinkinder und versuchen, manchmal  mit Protest, den Jüngsten das Element Wasser nahe zu bringen. Es dudelt keine synthetische Musik, man hört nur das Rauschen des Meeres und die schönen natürlichen Stimmen der Kinder. Und ab und an kommt ein Verkäufer vorbei und bietet gekochte Maiskolben an. Es wäre fast wie im Garten Eden, wenn die Türken es nicht so lieben würden, den Müll liegen zu lassen.

Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben .... Die Erfüllung dieser Ur-Sehnsucht ist hier erlebbar, entsprechend frisch, gut gestimmt und freudig komme ich nach Hause.  

Nicht weit von dem Ort solcher Erfahrung, kann man auch andere Erlebnisse haben, am Touristenstrand. Keine Kinderstimmen, dafür laute Musik aus Lautsprecherboxen, künstliche Animation, keine größeren Gruppen, sondern schon am Morgen die Angst, dass der Liegestuhl belegt ist. Da sind offenbar jene Menschen versammelt, die nicht die Freude suchen, sondern den Spaß. Erholung durch Spaß ist sehr kurzatmig und flüchtig, Erholung durch Freude kann unsere ganze langfristige Lebensart bestimmen, weg von der Grundstimmung des Dauernörgelns und Unzufriedenseins,  hin zu einem Grundgefühl von Dankbarkeit und Lebensfreude. Spaß muss immer wieder neu mit einem unersättlichen mehr gefüttert werden, so dass die Späße schnell zu banalen Späßchen verkommen, während Freude wie eine Quelle ist, die wir nicht mit  den eigenen Späßchen füttern müssten, sondern wir uns ungekünstelt an den Gaben Gottes erfreuen dürfen, also an dem, was wir nicht selbst produzieren mit immer höherem seelischen Aufwand, sondern was wir einfach so geschenkt bekommen haben, zur Lust und Freude der Seele. 

„Geh´aus mein Herz und suche Freud´ in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben . . . , dass die Sehnsucht nicht an der Wirklichkeit scheitert, ist mein Wunsch für alle, die jetzt Ferien machen, vielleicht in Antalya oder Alanya. Jeder entscheidet selbst: Freude oder Spaß!

Rainer Korten                                                          
Pfarrer in Antalya