Be-denkens-wert vom 19.07.2010

Vor wenigen Tagen befand ich mich auf dem Rückflug von München nach Antalya. Da ich in meinem Handgepäck noch etwas Platz hatte, entschloss ich mich, zwei Schachteln französischen Weichkäses mitzunehmen und aus der Flughafenbuchhandlung ein Buch von Manfred Lütz mit dem Titell: "IRRE-Wir behandeln die Falschen - Unser Problem sind die Normalen.“ Frohgemut näherte ich mich der letzten Sicherheitskontrolle unmittelbar vor dem boarding und lese auf einem Hinweisschild, dass nach neuen EU-Richtlinien weitere gewisse Gegenstände im Handgepäck verboten sind, unter anderem Weichkäse. So ein Käse! Und prompt wurde ich gebeten, mein Handgepäck zu öffnen. Ich rechnete mit dem Schlimmsten, aber die Sicherheitsdame nahm meinen Weichkäse in die Hand, drückte ein paar Mal und gab ihn mir zurück. Ich könne wieder einpacken, der Käse sei nicht weich genug, so ihr Hinweis. Also Weichkäse ist offenbar nach Richtlinien der EU nicht Weichkäse; ich freute mich, mit 69 Jahren solch ein Zugewinn an Erkenntnis gewonnen zu haben. Im Flugzeug las ich dann jenes Buch von Manfred Lütz, den ich von Gesprächsrunden aus dem Fernsehen kannte: Psychiater, Psychotherapeut. Leiter eines großen Fachkrankenhauses für Psychiatrie. Auf dem Innenumschlag las ich folgendes: „ Wenn man als Psychiater abends die Nachrichten sieht, ist man regelmäßig irritiert. Da geht es um Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen- und niemand behandelt die. Ja, solche Figuren gelten als völlig normal. Kommen mir dann die Menschen in den Sinn, mit denen ich mich tagsüber beschäftigt habe, rührende Demenzkranke, dünnhäutige Süchtige, hochsensible Schizophrene, erschütternde Depressive und mitreißende Maniker, dann beschleicht mich mitunter ein schlimmer Verdacht: Wir behandeln die Falschen! Unser Problem sind nicht die Verrückten, unser Problem sind die Normalen!....“ Ein Beleg dafür hatte ich gerade mit meinem Weichkäse erlebt.  

Die Regelungswut kennt keine Grenzen mehr. Und was einst als großes Projekt geplant war, dem bis dahin angeblich  unterdrückten Menschen die Freiheit zu geben, verkehrt sich immer mehr in sein Gegenteil. In den kleinen Dingen des Alltages wird immer mehr verboten, vermehren sich die zu beobachtenden Regeln  parasitenhaft, zieht sich das Korsett der Unwahrheiten aus Gründen der political correctness weiter zu . Auf der anderen Seite fällt fast jedes Tabu moralischer Natur, geben schräge Minderheiten den Ton an und wird jeder innere Zusammenhang von Ursache und Folge geleugnet. Wo die große, verbindende geistige und moralische Linie fehlt, entsteht schnell ein Vakuum, dessen negative Folgen mit einem Wust von Einzelregelungen aufgefangen werden soll, was natürlich nicht klappt. Auch hier merkt man auf einem sehr alltäglichen   Feld den Ausfall einer Basisweltanschauung und Religion. Wursteln als Dauerzustand bleibt übrig. 

Da lob´ich mir das Leben in der Türkei, wo die Verhältnisse genau umgekehrt sind: ein relativ gesundes gesellschaftliches Fundament, auf dem dann der Einzelne sich viele Freiheiten nehmen kann, um seinen Alttag lebensfroh bewältigen zu können und  trotzdem das Ganze nicht schädigt.                                   

Rainer Korten                                
Kath. Pfarrer in Antalya