Be-denkens-wert vom 01.09.2010

Es war einmal ein Gasthaus, das hieß Silberstern. Der Gastwirt kam auf keinen grünen Zweig, so sehr er sich auch bemühte. So versuchte er sich Hilfe zu holen bei einem Weisen. Als dieser die jammervolle Geschichte des Gastwirts gehört hatte, sagte er:“ Das Problem ist einfach zu lösen. Du musst den Namen deines Gasthofes  ändern.“ „Unmöglich“, sagte der Gastwirt, seit Generationen heißt er Silberstern. „Nein“, sagte der Weise, „Du musst ihn nun ´Die fünf Glocken´ nennen und über den Eingang sechs Glocken aufhängen.“ „Sechs Glocken? Das ist absurd, was soll das bewirken?“ „Versuch es doch einmal und sieh selbst“, sagte der Weise. Also machte der Gastwirt einen Versuch und Folgendes geschah: Jeder Reisende, der an dem Gasthaus vorbeikam, ging hinein, um auf den Fehler aufmerksam zu machen, jeder in dem Glauben, außer ihm habe noch keiner diesen Fehler bemerkt. Und wenn sie erst einmal in der Gaststube waren, waren sie beeindruckt von der freundlichen Bedienung und blieben da und bestellten. Das war die Chance, auf die der Wirt lange gewartet hatte. Und die Moral von der Geschicht´ ist: Nichts entzückt das eigene Ich mehr, als die Fehler anderer korrigieren zu können.

Weise ist in der Tat ein Mensch, der die Schwächen der Menschen kennt, aber dann nicht draufhaut, bloßstellt und mit dem Finger draufzeigt, sondern liebevoll kleine Umwege kennt, um zu seinem Ziel zu gelangen. Auf diese Entzückung des eigenen Ich ist Jesus immer sehr verständnisvoll eingegangen.

Mir fällt da jene biblische Begebenheit ein, als die Jünger Jesu um den ersten Platz rangelten. Und es heißt wörtlich: Jesus wusste, was in ihren Herzen vorging. Deshalb nahm er ein Kind, stellte es neben sich und sagte: Wer dieses Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer unter euch der Kleinste ist, der ist groß. (Lk.9,46 ff)                                                                  

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya