Be-denkens-wert vom 20.09.2010

In den letzen Wochen wurde in Zusammenhang mit dem Sarrazin-Buch oft von Meinungsdiktatur gesprochen, auch political correctness. Gesagt werden darf nur, was opportun ist, Querdenker werden erbarmungslos ausgesperrt. Die kath. Kirche hat damit Erfahrung.

Seit 30 Jahren gehört es zum verschwiegenen Standart, dass sich die Gesellschaft jährlich 150 000 und mehr tote Kinder durch Abtreibung leistet, während eine Studie nach der anderen erscheint, die in eindrücklichsten Szenarien die Folgen einer katastrophaler Kinderarmut schildert, und man fragt sich, wie innerlich abgewirtschaftet eine Gesellschaft ist, der als Therapie nichts anderes einfällt, als den Kindermangel durch Fachkräfteanwerbung im Ausland zu beheben. Nur zur Information: in Deutschland sind 12,9 % der Bevölkerung unter 15 Jahren, in der Türkei sind es 26,2 %. Diese gesunde Balance von Jung und Alt in der Türkei macht uns Deutschen das Leben hier so angenehm. Wo Jugend ist, ist auch Zukunftswille, wo Jugend fehlt verdaut sich jede Gesellschaft langsam selbst. Aber darüber darf man nicht reden, so wenig wie man 30 Jahre nicht über Integration von Ausländern reden durfte. Jetzt kommt zum Vorschein, dass die normalen Bürger ein viel sensibleres Gespür für langfristige negative Entwicklungen haben, als das öffentliche Meinungskartell einhämmert.

Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer schreibt: „ Es frisst sich eine Angst in die deutsche Gesellschaft“. Die Angst gilt als eine der größten Epidemien. Auch da wird das alte Menschheitswissen verschwiegen: Wo Gott aus der Tür getrieben wird, ziehen die Ängste durch die Fenster wieder ein. Alles hängt mit allem zusammen- eine verschwiegene Wahrheit, die dem modernen Aberglauben im Wege steht, als könne man heute ins Blaue wirtschaften ohne Folgen bedenken zu müssen. Diesen Zusammenhang beschreibt eine biblische Geschichte sehr eindrucksvoll. Ein Vater hatte 2 Söhne, der eine wollte von allem frei sein, verlangte das Erbe und zog los. Nach kurzer Zeit hatte er alles durchgebracht, war pleite, äußerlich wie innerlich, die Bibel sagt: er musste die Schweine hüten, wir würden heute sagen: er war auf den Hund gekommen. Dieses ganz unten-sein, wandelte ihn, und es heißt: er sagte sich: ich will auf-brechen und zu meinem Vater zurückkehren…. Äußerlich auf-brechen konnte er nur, weil in ihm zuerst innerlich etwas aufgebrochen war , nämlich die Einsicht, sich verrannt zu haben. Das wäre heute z. B. eine wichtigere Frage für talk-Runden, anstatt 14 Tage auf allen Kanälen mit Sarrazin bedudelt zu werden, wobei ständig dieselben Fronten in denselben Leuten sich gegenüberstehen.

Wenn der Befund stimmt - und die Mehrzahl der Bürger empfindet es so - , dass die Angst zu den größten Epidemien gehört und offensichtlich Menschen den Mut verlieren, die Welt zu gestalten und zu verändern, dann warte ich auf die erste talk-Runde von ganz normalen Bürgern und nicht angeblichen Experten zu dem Thema: Wie lässt sich Angst in Aufbruchstimmung verwandelt? Dann müsste man sich endgültig von der Oberfläche verabschieden und wieder etwas tiefer in die Seelen der Menschen steigen.

Rainer Korten, Pfarrer in Antalya