Be-denkens-wert vom 10.01.2011

Manchmal machen sich um uns Mitmenschen verdient, die weder einen großen Titel, noch zu den modernen Stars und Sternchen gehören, sondern schlicht das Richtige zur richtigen Zeit tun. So hat sich ein Zeitgenosse höchst verdient dadurch gemacht, daß er kleine, erlebte Menschlichkeiten sammelte und in einem Büchlein veröffentlichte, weil  er wusste, daß das gute Beispiel viel mehr wert ist, als große Reden und inhaltsleeres Showgehabe.

In dem Büchlein las ich von folgender Begebenheit: Es geschah auf einem Kinderspielplatz. Eine Menge Kinder spielten dort herum, die meisten barfuß. Ein Wärter stand in der Nähe und passte auf. Vorbei kam eine ältere Frau, sie schaute zunächst den Kindern zu, dann bückte sie sich, hob etwas auf und steckte es schnell in ihre Tasche. Das alarmierte den Wärter, denn er vermute, daß die Frau irgendetwas Wertvolles gefunden hatte. Er stellte die Frau zur Rede, ja er drohte ihr: „wenn sie mir nicht zeigen, was sie in der Tasche haben verschwinden lassen, muß ich sie mitnehmen.“ Die Frau zuckte zusammen und holte aus ihrer Tasche eine Glasscherbe. „Was wollen sie denn damit“? Die Frau:“ich dachte nur, ich nehme sie weg, damit die Kinder nicht mit ihren nackten Füßen hineintreten.“ Der Wächter war blamiert, aber innerlich groß genug, diese Geschichte weiterzuerzählen.

Es ist nicht die große Theologie, die uns den Weg zu Gott erschließt, sondern es sind oftmals kleine Geschichten, wie sie Jesus selbst immer wieder erzählt hat.

Gleichsam als gewissen Abschluß von Weihnachten erzählt uns die Bibel von der Taufe Jesu  im Jordan. Er stellt sich ganz in die Mitte der Menschen: auf der einen Seite in die Mitte der Menschen mit ihren Gebrochenheiten, Schulden und Selbstzerstörungstendenzen. Er stellt sich in die Reihe all derer, derer Leben verkorkst ist, in die Reihe derer, die nicht wissen, was das Ziel ihres Lebens und  welche Kostbarkeit es ist. Durch die Taufe begibt er sich  zu den Menschen, deren Teile des Lebens in Scherben liegen, und auf der anderen Seite erhebt er durch seine Taufe das Leben in eine ganz andere Dimension. Sie zeigt an, daß das Leben trotz aller Verwerfungen seine Würde behält, daß alle Brüche und Zerrissenheiten heilbar sind, und daß es keine letzte Verlorenheit geben muß.

Wer nicht nur mit den Wassern dieser Welt „getauft“, sondern auf Jesu Namen getauft ist, kann ganz andere Kräfte in seinem Leben freisetzen, die ihn eine positive Welt- und Lebenssicht trotz oder gerade wegen aller Scherben finden lässt. Denn es kam Einer, der die Scherben aufgehoben hat, damit wir uns nicht endgültig verletzen. Dieses Wissen aus dem Glauben kann uns helfen, das geknickte Rohr, den nur noch glimmenden Docht, die Scherben im Leben des Anderen nicht auszunutzen, sondern zu heilen.

Wenn die Gesellschaft heute ratlos ist und massenhaft  neue Rezepte gegen die menschliche Kälte produziert, mehr Psychologen, mehr  Berater in die Schulen, mehr, mehr…(wobei keiner weiß, wie das finanziert werden soll), dann ist das der lächerliche Versuch, sich an einer  zentralen  Wahrheit vorbeizudrücken. Wenn der Mensch nicht weiß, daß er ohne eigenen Verdienst  geliebt ist, kann er auch nicht lieben. Man wird den Glauben neu schätzen  müssen, wenn nicht zuviel gesellschaftlich    endgültig in  Scherben zerfallen soll.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya