Be-denkens-wert vom 01.02.2011

Wie konnte ich sicher sein, nach 3 Stunden  Flug am letzten Montag auch in Deutschland gelandet zu sein? Draußen war es um 8.oo Uhr morgens noch dunkel, trübe, naß. Ich wurde mir bald sicher, am gewünschten Ziel angekommen zu sein, als ich aus der Zollkontrolle kam und direkt auf einen Zeitungsstand traf, wo mir die neuste Ausgabe des Magazins DER SPIEGEL entgegenleuchte, nicht unbedingt mein Lieblingsblatt. Aber wie so oft: das Titelblatt - die Verpackung - machte neugierig ,und wie eben so oft, war der Inhalt dünn und oberflächlich. Jedenfalls zeigte das Titelblatt einen Mann um die 40, Nadelstreifenhose, zusammengekauert in einer Art Käfig sitzend und darunter der Schriftzug: AUSGEBRANNT, Unterzeile: das überforderte ICH. Immerhin erfuhr ich in dem Artikel einige bekannte, wenn auch, auch immer wieder nachdenklich machende Zahlen, z.B. daß in der Arbeitswelt die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Störungen von 1998 bis 2009 um 76 % zugenommen haben, die Frühverrentungen aufgrund von seelischen Störungen um 38 %. Nicht Unrecht hatte das Magazin mit seiner Diagnose: der erschöpfte Mensch von heute ersetzt den gebrechlichen Menschen von gestern.

Die dann angebotenen Heilungswege sind hinlänglich bekannt, teil -weise Ladenhüter und weithin nicht mehr als Placebos ohne wirkliche Heilungschancen. Denn penetrant ausgelassen wird die religiöse Dimension des Lebens, die wesentlich mitentscheidet über ein Ausgebranntsein an Lebensinhalt oder ein Angefülltsein mit Lebensperspektive.

Nicht umsonst vergötzen in einer heidnischen Gesellschaft die Menschen den Beruf, weil sie zuvor ihre Berufung vergessen haben. Daran erinnert Paulus die Gemeinde im heidnischen Korinth, wenn er ihnen schreibt: Brüder und Schwestern seht auf eure Berufung. Berufung ist ein unverdientes Geschenk, ein Zustand ohne zuvor selbst  um jeden Preis strampeln zu müssen und doch jemand Wertvolles zu sein. Wenn der Mensch keine Ahnung mehr von seiner Berufung hat, ist der Weg zum überforderten ICH vorgezeichnet.

Christen dürfen völlig unaufgeregt und stillhaltend auf die kommende Zeit blicken, da der ausgebrannte Mensch mit seinem überforderten ICH versuchen wird, sich aus dem modernen Käfig zu befreien und im Glauben neu seine Berufung, und nicht nur seinen Beruf, suchen wird, so wie es unseren Vorfahren auch erlebt haben in der ständigen Spannung von Knechtung und Befreiung. Das Ich nicht zu überfordern, gelingt ohne Glauben nicht.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya