Be-denkens-wert vom 06.09.2011

In der vergangenen Woche endete der Fastenmonat Ramadan, an dessen Ende steht das große Zuckerfest, an dem wiederum läuft die türkische Gemeinschafts-und Familienkultur zur Hochform auf. Die Straßen sind voll von Menschen, oftmals in Gruppen und Familienverbänden, die öffentlichen Verkehrsbetriebe transportierten 3 Tage und 3 Nächte ihre Gäste kostenfrei: zum unbedingten Muss dieser Feiertage gehört der Gang zum Friedhof, um die Familienverstorbenen zu ehren. Ich war zufällig dort, um einen Deutschen zu bestatten. Auf dem Friedhof war kein Durchkommen, Tausende von Menschen aller Generationen, meistens mit einem kleinen Blümchen in der Hand. Und ich stand da am Grab- –allein, keine Verwandten oder Bekannte. Die vorbeiziehenden Türken waren fassungslos- ich konnte es ihren Gesichtern ansehen, ich war nicht fassungslos, denn in der Theorie weiß ich schon lange, wie marode und inhaltsleer  Familien- und Gemeinschaftsstrukturen in Deutschland inzwischen sind, die Praxis folgt unausweichlich. Der gepflegte Aberglaube, jeder soll nach seiner Facon selig werden, höhlt jedes Gemeinschaftsdenken aus.

Diese konträre Erfahrung in zwei Kulturen lässt mich noch andere Verbindungen erkennen. Gemeinschafts-und Familienfeste waren von altersher immer mit religiösen Inhalten  verbunden. Kein Wunder, denn wenn Gemeinschaft entstehen soll, braucht es eine verbindende Mitte, die unterschiedliche Menschen zusammenführt, die aber nicht künstlich von Menschen gezimmert werden kann in Form eines Events, sondern die ihm gegeben ist, und an der er sich nur in Gemeinschaft freuen kann.  Der Ausfall der Religion nimmt den Bedürfnis nach Gemeinschaft das Fundament.

So verstehe ich jenen Satz Jesu: wenn 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ich weiß es zwar nicht, bin mir aber dennoch sicher, dass es eine ähnliche Sicht im Koran gibt, denn ich wüsste sonst gar nicht, wo die Quelle liegen sollte, dass die türkische Kultur zu dem hohen Maß von Gemeinschafts- und Familienkultur fähig ist, die  man hier so beglückend erleben kann. Das ist Reichtum für die Zukunft.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya