Predigt von Pfarrer Rainer Korten anlässlich seines 70. Geburtstages in Belek

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Es war vor ca. 5 Monaten, da hatte mich ein türkischer Fernsehsender zu einem 20.min. Life-Interview eingeladen, nicht weit von hier auf die Terrasse eines  noblen Hotels. 20 Minuten Life-Interview! Ich wurde zu meiner Biografie befragt, ich wurde gefragt nach meiner Sicht der Dinge in der Welt, nach dem Verhältnis von Christentum und Islam u.a. ,und natürlich durfte die Frage nicht fehlen, warum ich Priester geworden bin.. Das hörte sich streckenweise gewaltig und philosophisch, vielleicht auch etwas abgehoben an. Was die Dolmetscherin daraus gemacht hat,  weiß ich Gottlob  nicht. Nach dem Gespräch kam ein kurzes Musikstück, und dann war der 2. Interview-Partner, auch 20 Minuten, an der Reihe. Es war ein Professor aus Ankara, der über die Vorzüge von Botox befragt wurde. Ich brauche nicht zu erklären, was Botox ist, nur soviel: das ist die Verheißung schlechthin, wenn die ersten Falten sichtbar werden .….

Auf der Heimfahrt hier von Belek kam ich ins Grübeln: Pfarrer und Botox-Spezialist- Abbild für 2 Welten? Waren die letzten 70 Jahre meines Lebens etwas wesentlich  anderes als ein Suchen und Unterscheiden, und Ringen zwischen Sein und Schein? Unterschiedlich in den verschiedenen Lebensphasen, aber im Grunde ist Leben doch immer ein Wettbewerb zwischen Schein und Sein, wobei in unseren Tagen der Schein bei vielen Zeitgenossen wohl den Sieg davon tragen mag. Botox als Sammelbegriff für den Schein verkauft sich in der modernen Welt gut, ja der moderne Mensch scheint sich in dieser Welt  des Scheins wohlzufühlen. Allerdings, auch das ist wieder nur ein Schein, wie zahlreiche gesellschaftliche unübersehbare  Krankheitsbilder dokumentieren. Ich habe den Glauben stets  als sehr hilfreiches Korrektiv erlebt. Da gibt es oft keine Fluchtwege in den Schein, das gibt es nur  mit „ganzen Herzen lieben, mit allen Kräften“, da gibt es nicht ein  hinterherlaufen nach  den  vergoldeten Lügen, das gibt es nur nackte Wahrheiten, das gibt es eine von vielen vermeintlichen  Paradoxien, dass der Mensch in der Tiefe an Höhe gewinnt, da gibt es das Paradox, dass in der Bindung an Gott  die größtmögliche Freiheit zu finden ist. Ich kann mit 70 Jahren ehrlich bezeugen: das alles  ist wahr, ist Realität. Ich kann aus Erfahrung auch bezeugen, dass die Kirche, der ich über 40 Jahre diene , nicht gegen den Schein geschützt ist, aber ich habe sie geschätzt, weil sie mir nicht als Wellness-Tempel begegnet ist, sondern weil in jedem ihrer Häuser ein Kreuz hängt, das mir immer wieder zu dem frohen Realismus verholfen hat : im Kreuz ist Heil, erst recht ,wenn ich bei Menschen war, wo der Arzt sagte: keine Heilung mehr möglich. Im Kreuz ist Heil.

Und auch in meiner letzten Lebensphase, die ziemlich genau vor 8 Jahren mit meinem Kommen in die Türkei begonnen hat, werde ich reich mit Realismus beschenkt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt einem Zeugen des Glaubens, dessen Weg vom Schein zum Sein geradezu exemplarisch ist: vom Saulus zum Paulus. Seine Lebenswende war die Erkenntnis: was ich bin, bin ich durch Gott geworden( 1Kor.15,10ff)  Nicht der heute so hochgejubelte Beruf ist sein Lebensfundament, sondern das Wissen um seine Be-rufung. Beruf ist heute vielfach verkommen zum Aufbau von Schein, aber oftmals nicht mehr Dienst an den Anderen, d.h. als Er-füllung eines wesentlichen Teiles des Seins. Paulus ist ganz geprägt von der Gewissheit des Handeln Gottes an ihm, ohne eigene Verdienste, was ihn nicht etwa unterwürfig, devot macht, sondern im Gegenteil zu einem souveränen Menschen mit ausgeprägtem Selbstvertrauen. Vor den Großen der Welt hat er sich immer auf das Paradox- ich sage auf die reale Wahrheit berufen, dass Gottes Stärke in der Schwäche zum Vorschein kommt. Der beste Beruf kann niemals die innere Sicherheit durch das Erkennen seiner Be-rufung ersetzen. Es ist unverdientes Geschenk, das mich bewahrt hat, in Scheinwelten zu flüchten. Das sage ich dankbar  frank und frei mit  70, wo ich von so viel Lebenssynthetik, Lebenspappkulissen und potjomkinschen Dörfern umgeben bin.

Und eine letzte Wahrheit wage ich frei zu bezeugen. Da wir hier unweit des Strandes sind, und selbst auf die Gefahr hin, dass die allermeisten jene tiefgründige Geschichte kennen, man kann sie immer wieder hören: Ein 70-Jähriger sah eines Nachts im Traum, wie er am Strand dahinging. Im braunen Sand sah er seine Fußspuren. Und plötzlich sah er neben der eigenen noch eine zweite Spur und fragte Gott:“ Wessen Spur ist die zweite?“ Gott antwortete ihm: „Du weißt, ich habe dir in der Taufe zugesagt, immer an deiner Seite zu gehen“. Dann durchwanderte der 70-Jährige Jahre seines Lebens, wo es ihm sehr schlecht ging, eine tiefe Enttäuschung, eine lebensgefährliche Krankheit u.a.. Und er sagt zu Gott: „Wo warst du, als ich dich dringend gebraucht hätte- da ist nur eine Spur?“ Gott antwortet ihm:“ Mein  Lieber, du täuscht dich, das waren genau die Zeiten, wo ich dich tragen musste.“ Auch diese Erfahrung habe ich in 70 Jahren machen dürfen, sie ist wahr.