Be-denkens-wert vom 14.03.2011

Wer hätte das gedacht? In einer seriösen Zeitschrift, kein Boulevard-Blatt, las ich von jenem aufregenden Befund, den neuste Langzeitstudien zum Vorschein brachten. Darin hieß es:“…..Wer von klein auf lernt, seine Bedürfnisse zu kontrollieren, kommt besser durchs Leben als jene, die möglichst sofort alle Wünsche erfüllt bekommen. …….Geringe Selbstkontrolle führt tendenziell zu schlechteren Leistungen, zu höherer Wahrscheinlichkeit von Suchtverhalten, zu mehr Kriminalität….“ O, welche Tiefe der Erkenntnis! Das hat ungefähr die gleiche Qualität wie jene Erkenntnis:…..fährst du rückwärts an den Baum, verkleinert sich der Kofferraum.

Langzeitstudien, die nicht mehr an Erkenntnis zutage fördern, kann man sich auch sparen. Man braucht nur nachzuschauen bei den großen Weltreligionen, die alle aus langer Erfahrung im Umgang mit den Menschen um Zusammenhänge wissen, die zeitlos sind. Dazu gehört auch das Wechselspiel von Verzicht und Fülle. Bevor Christen an den großen Festtagen die Fülle der Gotteszuwendung feiern, geht eine Zeit des Verzichts voraus. Die Zeit, die dem großen Osterfest vorangeht, ist die 6-wöchige Fastenzeit, beginnend mit dem Aschermittwoch. Aus dem Flugzeug kennen wir die Aufforderung: fasten seat belt- die Sicherheitsgurte anlegen“. Fasten hat zunächst wenig mit der Nahrung zu tun, sondern ist jener geistige Vorgang, durch Verzicht Appetit auf die Fülle zu bekommen. Auch das ist eine uralte Menschheitserfahrung, die die Religionen sorgsam durch die Jahrtausende gehütet haben: um den Geist einzuschalten, müssen wir vorher vieles abschalten.
Nur sind natürlich solche Erkenntnisse, für die keine Langzeitstudien nötig sind, sondern schlicht etwas Erfahrung, heute nicht willkommen. Denn alles, was nach Verzicht aussieht, schmälert natürlich den Konsum und Umsatz.

Deshalb vertraue ich mehr dem alten Wissen des Glaubens, als den angeblich neusten Langzeitstudien und will mich bemühen, in den  kommenden Wochen der Fastenzeit oftmals abzuschalten, um den Geist einzuschalten, der sich ungekünstelt und tief über das freuen kann, was an Ostern in der Auferstehung Jesu geschehen ist. Denn seine Auferstehung ist meine unzerstörbare Hoffnung auf Leben.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya                                    

Be-denkens-wert vom 01.02.2011

Wie konnte ich sicher sein, nach 3 Stunden  Flug am letzten Montag auch in Deutschland gelandet zu sein? Draußen war es um 8.oo Uhr morgens noch dunkel, trübe, naß. Ich wurde mir bald sicher, am gewünschten Ziel angekommen zu sein, als ich aus der Zollkontrolle kam und direkt auf einen Zeitungsstand traf, wo mir die neuste Ausgabe des Magazins DER SPIEGEL entgegenleuchte, nicht unbedingt mein Lieblingsblatt. Aber wie so oft: das Titelblatt - die Verpackung - machte neugierig ,und wie eben so oft, war der Inhalt dünn und oberflächlich. Jedenfalls zeigte das Titelblatt einen Mann um die 40, Nadelstreifenhose, zusammengekauert in einer Art Käfig sitzend und darunter der Schriftzug: AUSGEBRANNT, Unterzeile: das überforderte ICH. Immerhin erfuhr ich in dem Artikel einige bekannte, wenn auch, auch immer wieder nachdenklich machende Zahlen, z.B. daß in der Arbeitswelt die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Störungen von 1998 bis 2009 um 76 % zugenommen haben, die Frühverrentungen aufgrund von seelischen Störungen um 38 %. Nicht Unrecht hatte das Magazin mit seiner Diagnose: der erschöpfte Mensch von heute ersetzt den gebrechlichen Menschen von gestern.

Die dann angebotenen Heilungswege sind hinlänglich bekannt, teil -weise Ladenhüter und weithin nicht mehr als Placebos ohne wirkliche Heilungschancen. Denn penetrant ausgelassen wird die religiöse Dimension des Lebens, die wesentlich mitentscheidet über ein Ausgebranntsein an Lebensinhalt oder ein Angefülltsein mit Lebensperspektive.

Nicht umsonst vergötzen in einer heidnischen Gesellschaft die Menschen den Beruf, weil sie zuvor ihre Berufung vergessen haben. Daran erinnert Paulus die Gemeinde im heidnischen Korinth, wenn er ihnen schreibt: Brüder und Schwestern seht auf eure Berufung. Berufung ist ein unverdientes Geschenk, ein Zustand ohne zuvor selbst  um jeden Preis strampeln zu müssen und doch jemand Wertvolles zu sein. Wenn der Mensch keine Ahnung mehr von seiner Berufung hat, ist der Weg zum überforderten ICH vorgezeichnet.

Christen dürfen völlig unaufgeregt und stillhaltend auf die kommende Zeit blicken, da der ausgebrannte Mensch mit seinem überforderten ICH versuchen wird, sich aus dem modernen Käfig zu befreien und im Glauben neu seine Berufung, und nicht nur seinen Beruf, suchen wird, so wie es unseren Vorfahren auch erlebt haben in der ständigen Spannung von Knechtung und Befreiung. Das Ich nicht zu überfordern, gelingt ohne Glauben nicht.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

 

Be-denkens-wert vom 10.01.2011

Manchmal machen sich um uns Mitmenschen verdient, die weder einen großen Titel, noch zu den modernen Stars und Sternchen gehören, sondern schlicht das Richtige zur richtigen Zeit tun. So hat sich ein Zeitgenosse höchst verdient dadurch gemacht, daß er kleine, erlebte Menschlichkeiten sammelte und in einem Büchlein veröffentlichte, weil  er wusste, daß das gute Beispiel viel mehr wert ist, als große Reden und inhaltsleeres Showgehabe.

In dem Büchlein las ich von folgender Begebenheit: Es geschah auf einem Kinderspielplatz. Eine Menge Kinder spielten dort herum, die meisten barfuß. Ein Wärter stand in der Nähe und passte auf. Vorbei kam eine ältere Frau, sie schaute zunächst den Kindern zu, dann bückte sie sich, hob etwas auf und steckte es schnell in ihre Tasche. Das alarmierte den Wärter, denn er vermute, daß die Frau irgendetwas Wertvolles gefunden hatte. Er stellte die Frau zur Rede, ja er drohte ihr: „wenn sie mir nicht zeigen, was sie in der Tasche haben verschwinden lassen, muß ich sie mitnehmen.“ Die Frau zuckte zusammen und holte aus ihrer Tasche eine Glasscherbe. „Was wollen sie denn damit“? Die Frau:“ich dachte nur, ich nehme sie weg, damit die Kinder nicht mit ihren nackten Füßen hineintreten.“ Der Wächter war blamiert, aber innerlich groß genug, diese Geschichte weiterzuerzählen.

Es ist nicht die große Theologie, die uns den Weg zu Gott erschließt, sondern es sind oftmals kleine Geschichten, wie sie Jesus selbst immer wieder erzählt hat.

Gleichsam als gewissen Abschluß von Weihnachten erzählt uns die Bibel von der Taufe Jesu  im Jordan. Er stellt sich ganz in die Mitte der Menschen: auf der einen Seite in die Mitte der Menschen mit ihren Gebrochenheiten, Schulden und Selbstzerstörungstendenzen. Er stellt sich in die Reihe all derer, derer Leben verkorkst ist, in die Reihe derer, die nicht wissen, was das Ziel ihres Lebens und  welche Kostbarkeit es ist. Durch die Taufe begibt er sich  zu den Menschen, deren Teile des Lebens in Scherben liegen, und auf der anderen Seite erhebt er durch seine Taufe das Leben in eine ganz andere Dimension. Sie zeigt an, daß das Leben trotz aller Verwerfungen seine Würde behält, daß alle Brüche und Zerrissenheiten heilbar sind, und daß es keine letzte Verlorenheit geben muß.

Wer nicht nur mit den Wassern dieser Welt „getauft“, sondern auf Jesu Namen getauft ist, kann ganz andere Kräfte in seinem Leben freisetzen, die ihn eine positive Welt- und Lebenssicht trotz oder gerade wegen aller Scherben finden lässt. Denn es kam Einer, der die Scherben aufgehoben hat, damit wir uns nicht endgültig verletzen. Dieses Wissen aus dem Glauben kann uns helfen, das geknickte Rohr, den nur noch glimmenden Docht, die Scherben im Leben des Anderen nicht auszunutzen, sondern zu heilen.

Wenn die Gesellschaft heute ratlos ist und massenhaft  neue Rezepte gegen die menschliche Kälte produziert, mehr Psychologen, mehr  Berater in die Schulen, mehr, mehr…(wobei keiner weiß, wie das finanziert werden soll), dann ist das der lächerliche Versuch, sich an einer  zentralen  Wahrheit vorbeizudrücken. Wenn der Mensch nicht weiß, daß er ohne eigenen Verdienst  geliebt ist, kann er auch nicht lieben. Man wird den Glauben neu schätzen  müssen, wenn nicht zuviel gesellschaftlich    endgültig in  Scherben zerfallen soll.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya