Be-denkens-wert vom 30.03.2012

Über den Weg von  Karfreitag nach Ostern.
Es gibt eine merkwürdige Schizophrenie in unserer Zeit: da wird immer mehr Wert gelegt auf lernen, lernen, lernen, am liebsten schon im Kindergarten die zweite Fremdsprache und auf der anderen Seite scheinen Menschen immer mehr zu ver-lernen, nämlich  zufrieden und erfüllt zu leben.

Burnout ist  mehr als ein Modewort,  viele quälen sich mit zerbrochenen Lebensentwürfen, mit geplatzten  menschlichen Beziehungen, Kinder pendeln immer hin und her zwischen biologischen und sozialen Vätern und Müttern,  von der Zahl der Selbstmorde will ich nicht reden. Glückliches Leben ist offenbar schwieriger geworden.

Fast parallel dazu verläuft die Abnahme, die Menschen der Religion als Horizont-und Lebenserweiterung zubilligen. Dabei gäbe es gerade in den kommenden Tagen der Kar- und Osterwoche viel zu lernen, damit wir nicht zu leben ver-lernen.

Es lebte einmal ein König, der alles zu haben schien. Er rief seinen Hofnarren und gab ihm einen Stab mit den Worten:“ Gib diesen Stab dem, der noch närrischer ist als du!“ Eines Tages legte sich der König zum Sterben nieder  und sagte: „So, jetzt gehe ich in ein fremdes Land und kehre nie mehr zurück.“ Der Narr antwortete: „ Da du doch gewusst hast, dass du einmal in ein fremdes Land ausreisen musst, hast du sicher alles getan, um auch in dem neuen Land ein schönes Zuhause zu haben.“  Als der König dieses verneinte, überreichte ihm der Narr den Stab und sagte:“ Er gehört dir. Du bist noch ein größerer Narr als ich.“

Als solche Narren laufen Christen nicht durch die Welt. Sie wissen, dass sie einmal werden ausreisen müssen, und versuchen sich im Leben jetzt bereits auf ein neues, bleibendes Zuhause vorzubereiten. Dennoch stehen sie nicht unter dem seelischen Dauerstress, als müssten sie  möglichst viele Vorleistungen erbringen, was das Leben zur Qual machen würde. Sie wissen, dass die wesentlichsten „Vorleistungen“ am Karfreitag und am Ostertag durch Jesus Christus erbracht worden sind, und weil das erleichternd und frohmachend ist, singen sie diese Freude seit Jahrtausenden am Ostertag mit einem fröhlichen Halleluja in die Welt hinaus. Der Glaube an das österliche Leben in Gott ist die Kraft, das Leben nicht zu verlernen. Manche halten ja die Christen mit ihrem Glauben für Narren, das Leben lehrt etwas anderes, sofern man sich den Bezug zur Realität bewahrt hat und nicht in Scheinwelten flieht. Christen können aufrecht nackte Wahrheiten verkraften, sowohl das Leid wie den Tod und müssen nicht mit moderner Tünche Fakten verdrängen, was krank und unzufrieden macht, weil sie bei allem Lerneifer mit dem Kopf nicht  ver-lernt haben, aus Vertrauen in den auferstandenen Christus zu leben.

Ich freue mich, mit vielen Millionen Menschen auf unserem Erdball in wenigen Tagen das österliche Halleluja anzustimmen. Sie sind eingeladen mitzusingen, um bei allem Lernen, das froh  und dankbar leben  nicht zu ver-lernen.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya