Be-denkens-wert vom 17.07.2012

Der Laie staunt, und der Fachmann wundert sich, wer sich heute alles bemüßigt fühlt, Bücher zu schreiben. Menschen scheinen immer mehr den Drang zu haben, aus ihrem Leben zu erzählen, wobei die Frage bleibt, ob sie wirklich etwas zu erzählen haben. In den Internetforen spielt sich eine ähnliche Entwicklung ab. Beim Leser bleibt oftmals der Eindruck zurück, dass Autoren zuerst geschrieben haben, bevor sie nachgedacht haben und viele Worte machen, ohne etwas zu sagen. Damit sich  dann solch ein geistiger  Ramsch irgendwie verkaufen lässt, muss noch der Titel und manche Passagen mindestens unter die Gürtellinie gehen.

Woher mag dieser Drang kommen? Wahrscheinlich haben solche oberflächlichen „Autoren“ zu wenig echte Zuhörer in und an  ihrem Leben gefunden, so dass der Drang entsteht zu publizieren, damit ihre Geschichten irgendwie an die Menschen kommen.

Ich las von einer Amerikanerin, dass sie als junges Mädchen nicht besonders hübsch gewesen sei, man hätte sogar von hässlich sprechen können. Sie litt darunter. Bei einem Tanztee entdeckte sie einen jungen Mann, der noch um einiges hässlicher war als sie. Aber seltsam: dieser junge Mann war ein gefragter Gesellschafter, man suchte seine Nähe, man tanzte gern mit ihm. Als man ihn nach dem „Geheimnis seines Erfolges“ fragte, antwortete er: „Ich bemühe mich immer, ein guter Zuhörer zu sein.“

Ob schön oder weniger schön, gute Zuhörer sind immer beliebt. Wirklich zuhören zu können, ist nicht leicht. Zu gern wollen wir selbst sprechen. Was wir zu sagen haben, scheint oft viel wichtiger, als die Worte der anderen. Wir fiebern danach, unsere „Weisheiten“ an den Mann oder die Frau zu bringen. Wie ein Läufer im Startloch lauern wir darauf, in die nächste Gesprächslücke hineinzupreschen, die Hürden aller Einwände galant zu überspringen und dem anderen davonzulaufen. Zuhören aber heißt, stehen bleiben, frei sein für den anderen, damit der uns nicht vollgepackt findet mit Gerümpel und  Platz hat, sich bei uns niederzulassen.

Einen solchen Zuhörer haben wir sicher schon erlebt, erfrischt und gestärkt sind wir von ihm weggegangen. Viel häufiger haben wir den schlechten Zuhörer erlebt. Das leise Trommeln mit seinen Fingern, den leeren Blick, die zerstreuten Bemerkungen. Er saß am gleichen Tisch und war doch in einem anderen Raum. Zuhören können ist nicht leicht, aber erlernbar.

Sie werden es nicht glauben, aber es ist eine Glaubens-erfahrung, dass beten die Fähigkeit des Zuhören- könnens beflügelt. Denn beten heißt nicht, zuerst selbst reden, sondern heißt zu allererst auf Gott hören, dann mit ihm sprechen, in der Gewissheit, in ihm einen aufmerksamen Zuhörer zu finden.

Wahrscheinlich wird heute so viel blasses Zeug geschrieben, weil Menschen die Erfahrung mit guten Zuhörern fehlt, und sie sich auf diese Weise Luft für die Seele verschaffen wollen.

Beten ist keine überflüssige Angelegenheit, sondern Erfahrungen  mit einem guten Zuhörer zu machen, um selbst ein guter Zuhörer zu werden. Diese Fähigkeit ist ein großes Kapital, das bei Menschen immer  gut ankommt.

Rainer Korten
Pfarrer i.R in Antalya