Be-denkens-wert vom 04.09.2012

Ein Blinder und ein Lahmer wurden von einem Waldbrand überrascht. Die beiden gerieten in Angst. Der Blinde floh gerade auf´s Feuer zu. „Flieh nicht dorthin“, rief ihm der Lahme zu. Der Blinde: “Wohin soll ich mich wenden?“ Der Lahme: “Ich könnte dir den Weg vorwärts zeigen, soweit du willst, da ich aber lahm bin, nimm mich auf deine Schultern, damit ich dir angebe, wie du dem Feuer aus dem Weg gehen kannst“ Der Blinde folgte dem Rat des Lahmen, und zusammen gelangten beide wohlbehalten in die Stadt.

In solch schlichten Geschichten steckt viel gesammelte anschauliche Erfahrung, an die sich der Einzelne, wie aber auch eine ganze Gesellschaft erinnern können, wenn etwas aus dem Lot gerät. Heute würde man daraus einen ganzen akademischen Zyklus machen mit der Überschrift: Leben wir in einer entsolidarisierten Welt?

Jedem Türkeibesucher und erst recht uns, die wir schon seit Jahren hier leben, fällt auf, dass man hier die Menschen meist in Gruppen antrifft, sei es am Strand beim Picknick, sei es auf den Balkonen der Hochhäuser, sei es in Restaurants: überall Menschen in Gruppen und dazu noch meistens aus mehreren Generationen bestehend. Das weist auf eine gesunde Gesellschaft hin, die weiß, dass jeder auf den anderen angewiesen ist, dass jeder verschiedene Fähigkeiten hat, von denen das Gemeinwohl lebt, dass ein Miteinander vor Resignation und Antriebsschwäche bewahrt.

Eine übertriebene Single-Unkultur hat keine Zukunft. Um sich in einer Single-Kultur überhaupt noch bemerkbar zu machen, trägt man dann  inzwischen fast  zwanghaft ein Tattoo- ein „eingebranntes“ Identitätszeichen.

Die Christen wussten von allem Anfang an um den Wert von Gemeinschaft und kamen meistens am Sonntag zusammen, um aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus ihre eigene, einmalige Identität zu stärken und  untereinander gemeinschaftsfähig zu werden. Sie tragen seit der Taufe ein inneres „Tattoo“ durch das Wissen, wer sie durch Gott geworden sind und wohin sie ihr Lebensweg führen wird, so dass sie auf ein äußeres Tattoo, das morgen schon lästig sein kann, verzichten können.

Es ist eindeutig  pathologisch, dass jetzt ein deutsches Gericht klären soll, ob das Stechen von Ohrlöchern bei Kleinkindern Körperverletzung ist. Eine Gesellschaft, die echte Probleme dauerhaft verdrängt, ergötzt sich an Scheinproblemen.

Rainer Korten
Pfarrer i.R. in Antalya