Be-denkens-wert vom 15.10.2012

Seit 9 Jahren wohne ich in Antalya in einem 12-stöckigen Hochhaus und erlebe immer wieder freudige Überraschungen mit den türkischen Mitbewohnern. Im Treppenhaus ging ich kürzlich an einer Flurtüre vorbei, die aufwendig geschmückt war, was meine Neugierde weckte. In dem weißen Tüll war ein Hinweis verborgen, dass hinter dieser Tür ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt hat
 
Welch schöner Willkommensgruß für den neuen Erdenbewohner und welch erfrischende Einladung der Mitfreude an die Vorübergehenden. Für mich umso erfreulicher, da ich just zu dieser Zeit in deutschen Medien lesen musste, dass  die Zahl der getöteten Kinder durch Abtreibung wieder gestiegen sei und dass in einer Woche 13 Kinder durch Gewalt, oftmals der eigenen Eltern, zu Tode kamen.

Die Türkei ist ein sehr kinderfreundliches Land, das kann man im Alltag auf Schritt und Tritt spüren. Es gibt wohl kein größeres Restaurant und keine größere Wohnanlage, wo nicht ausreichend Platz und Spielgeräte für Kinder sind. Da es genügend Kinder gibt, beschäftigen sie sich untereinander, und die Eltern können in Ruhe im Restaurant speisen oder ihrer Hausarbeit nachgehen.

Was mir auch auffällt: den Kindern wird ein großer Spielraum –buchstäblich ein Raum zum Spielen gegeben, wo sie von Erwachsenen nicht ständig beobachtet und aus „lauter Liebe“ drangsaliert werden. In solch einer Gesellschaft lebe ich gern, denn diese frühkindlichen Erfahrungen setzen sich bei den Jugendlichen fort; mit ihnen ist ein angenehmes Zusammenleben möglich.

Der Aufbruch in die Zukunft ist den Jugendlichen anzusehen und tut uns Alten gut. Das ist auch ein  Beweggrund, nach meiner Pensionierung in der Türkei zu bleiben und dem Trommelfeuer: alle Kinder möglichst früh und geschlossen in staatliche Einrichtungen zu pressen, nicht erleben zu müssen. Diese Ideologie hat  keine Zukunft, denn sie folgt nicht dem Bedürfnis und Wohl  der Kinder, sondern der Wirtschaft.

Der Evangelist Markus berichtet eine ganz schöne Episode. Die Jünger hatten wieder einmal  gut menschlich um Rang und Namen gestritten. Da stellte Jesus ein Kind in ihre Mitte - in die Mitte, was nicht meint  in die geometrische Mitte, sondern in den Mittel-punkt und sagte:“ wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt mich auf.“

Eine Gesellschaft, die das Kind in die Mitte stellt und es nicht als Bedrohung empfindet, hat Zukunft; das ist  hier hautnah spürbar und macht den Alltag erfreulich.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer i.R. Antalya