Be-denkens-wert vom 12.11.2012

Es war am Allerheiligentag, 1. November 1512, also vor genau 500 Jahren. Da enthüllte Papst Julius II. in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan die Decken-Malereien des Michelangelo Buonarroti, die die biblische Schöpfungsgeschichte ins Bild setzten. Dabei hatte alles mit einer Intrige begonnen. Michelangelo hatte viele Neider, die wiederum Papst Julius beschwatzten, die Malerarbeiten an Michelangelo zu vergeben, weil sie sich sicher waren, dass er sich nur blamieren könne, da er schließlich schwerpunktmäßig Bildhauer war.

Aber  selbst am Päpstlichen Hof: der Mensch denkt, Gott lenkt. So ist besonders die Darstellung der Erschaffung des Adam weltberühmt geworden. Heute sehen sie jährlich  5 Millionen Menschen, an manchen Tagen sollen es 30000 Besucher in der Sixtinischen Kapelle sein, so dass die Verantwortlichen den Menschenstrom drosseln wollen, um die Malereien  zu schonen.

„Die Erschaffung des Adam“, sagen wir Deutschen, die Italiener drücken es viel  tiefsinniger aus, wenn sie von: „creatione dell´uomo“ sprechen, von der Kreation des Menschen. Der Mensch- eine wunderbare, einmalige Kreation der Schöpfung, kein Zufallsprodukt, kein zweibeiniges Tier, kein  sinnloses, sich in Nichts auflösendes Wesen. Der Mensch –eine Kreation- das kommt der tiefsten Sehnsucht von uns Menschen entgegen, und deshalb kommen 5 Millionen Menschen jährlich, nicht wegen der Maltechnik, nicht allein wegen des künstlerischen Wertes, sondern wegen der Botschaft.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit zunächst auf den rechten Bereich des Bildes: Gottvater, im weißen Gewand, wie im Sturmwind daherkommend, mit ausgestrecktem Arm die Hand des Adam fast-eben nur fast-berührend. Der Adam will sich erheben, die Muskeln spannen sich, als zöge der Blick Gottes ihn empor, damit er aufrecht stehe. Gott will den aufrechten Menschen. Die Hand des Adam hängt kraftlos herunter, der Finger Gottes berührt diese fast, der Lebensfunke springt herüber, damit der Mensch Kraft zur sinnerfüllten  Lebensgestaltung bekommt. Gott sieht  den Adam an, damit der Mensch ein Ansehen bekommt, ohne eigene Leistung, ein Ansehen unabhängig von Konto, Titel und Besitz, ein Ansehen, weil er eine Kreation, ein Kunstwerk ist.

Diese Botschaft hat in den vergangenen 500 Jahren Millionen Menschen angezogen und zieht heute auch den angeblich modernen Menschen an, weil sie zeitlos ist: Gott hat uns als aufrechte Menschen geschaffen, unsere Kraft zum sinnerfüllten Leben kommt von ihm, er sieht uns an, das ist unser wahres menschliches An-sehen, das wir genießen, auch dann noch, wenn wir im Tod unansehnlicher werden.

Seelische Erschöpfung, Burnout, wie man das heute nennt, seelische Krankheiten, innere Müdigkeit, Sinnlosigkeitsgefühle, Lebensverdruß- das alles sind Folgen, wenn der Mensch nicht mehr weiß, wer er ist. Michelangelos "Erschaffung des Adam" kann man als Kunstwerk betrachten, Michelangelos „creatione dell´uomo“ kann man als gläubige Botschaft nehmen, dann hat sie therapeutische Wirkung für den gesamten Lebensweg.

Prälat Rainer Korten
Pfarrer i.R. Antalya