Be-denkens-wert vom 23.05.2012

Als das liebliche Fest gekommen war, packte alle eine innere Unruhe, und sie begaben sich auf die Autobahn, standen stundenlang in ihren Blechdosen im Stau und kamen genervt nach 3 Tagen wieder zu Hause an. So beschreibt heute ein Reporter das Pfingstfest.

Vor 2000 Jahren, beim ersten Pfingstfest heißt es in der Apostelgeschichte:…als der Pfingsttag gekommen war, befanden  sich alle am gleichen Ort, Leute aus Mesopotamien, Kappadozien (dorthin hat uns vor wenigen Tagen unsere Gemeindefahrt geführt), aus Pamphylien (Antalya liegt in der  Provinz Pamphylien), aus Ägypten und Rom, sie alle kamen in Jerusalem zusammen, sie hörten alle  Gottes große Taten verkünden.

Die Bibel berichtet noch eine andere Geschichte, in der die Sprache eine große Rolle spielt. Beim Turmbau zu Babel, dessen Ziel es war, einen Turm bis zum Himmel zu bauen, um Gott  zu entthronen und sich selbst zu inthronisieren, verwirrte Gott ihre Sprache. Sie sprachen zwar immer noch die gleiche Sprache, verstanden sich aber nicht mehr.

Jeder hat seine leidvollen Erfahrungen im Umgang mit Menschen, zwar die gleichen Worte zu  benutzen, aber einander nicht zu verstehen.  An der Sprache erkennt man sehr gut, wes Geistes Kind ein Mensch ist. Die systematische  Verfälschung der Sprache durch den Oberfälscher Goebbels vor 70 Jahren, die moderne Verharmlosung der Sprache durch inhaltslose Ersatzworte, die Verrohung der Sprache durch die Aneinanderreihung von Kraftworten deuten immer auf ein hohes Maß an geistiger Verwirrung und Orientierungslosigkeit hin. Die Folge ist ein nicht mehr Verstehen, trotz des Gebrauches der gleichen  Worte. Manche versuchen dem mit einer Inflation der Worte beizukommen, andere verhunzen die Sprache durch geistlose  Neuschöpfungen, zu einem wirklichen gegenseitigen Verstehen führen diese Wege nicht.

Deshalb bitten Christen am Pfingstfest um den Hl. Geist, damit an unseren Worten erkennbar wird, wes Geistes Kind wir sind, ob unsere Sprache auch mit den  Taten übereinstimmt, schlicht ob in unseren Worten auch drin ist, was sie nach draußen hin oftmals „wort-reich“, aber “ inhalts-arm“ mitteilen. Die Sprache ist nur dann heilsam, wenn sie der Verständigung und nicht der Verwirrung dient. Die modernen Kommunikationsmittel sagen nur etwas über die Menge der Worte, aber nicht über deren Gewicht. Da dürfen wir bei der Sprache Jesu sicher sein: was er sagt, ist alles bewahrheitet durch sein Tun.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 24.04.2012

Man sieht sie noch, die meist älteren Herren in Antalya, die  trotz  aller Hektik einer modernen Großstadt, geruhsam durch die Straßen  gehen und durch ihre Hand eine Perlenkette laufen lassen. Diese Kette erinnert sie an die 99  verschiedenen erhabenen Namen Allahs. Die kath. Christen kennen mit dem Rosenkranzgebet etwas ähnliches: die einzelnen Perlen lassen durch ihre mehrfache Wiederholung etwas von den göttlichen Taten an uns Menschen meditierend erfassen: z.B: der gekreuzigt wurde, der von den Toten auferstand, der wiederkommen wird …… Dahinter steht immer die Sehnsucht: Unfassbares fassbar zu machen.

Auch wir kennen zahlreiche  Namen für Gott: der Allmächtige, der Ewige, der Erbarmer ……. Die schönsten Namen für Gott oder Christus höre ich aber in der Osterzeit. Im Alten Testament:  Gott der Liebhaber des Lebens und in der Apostelgeschichte: Christus , der Urheber des Lebens!

Gott als Urheber des Lebens hat einen wunderbaren Klang. Was wäre unser Leben, wenn Gott nicht sein Urheber wäre? Höchstens eine Zusammensetzung aus Knochen und Fleisch, materiell wenig wert, vergehend, ohne Ziel und Sinn, ohne Zukunft und Erwartung, Leben als Kampf gegen die  Zeit. Wenn Gott Urheber des Lebens ist, bekommt dieses eine andere Qualität, wenn er Urheber ist, wird er auch Vollender sein, und somit kommt in das Leben eine  ganz andere Kraftquelle, die nicht nur aus dem Heute schöpft, sondern  aus der frohen Erwartung und Hoffnung des Kommenden. Fehlt diese Kraftquelle würden wir von Erschöpfung  zu Erschöpfung  stolpern, das frohe Vorausblicken, die hoffnungsvolle Erwartung erst  gibt dem  Leben Flügel.

Viele seelische Störungen haben ihre Ursache, wenn Menschen nicht mehr Urheber und Vollender des Lebens kennen. Sie ähneln dann jenem Betrunkenen- und unsere Zeit macht heute viele (be)trunken - auch ohne Alkohol, der nachts den Weg nach Hause sucht und sich an einer Litfaßsäule  festhalten will. In seinem betrunkenen Zustand merkt er nicht, dass er im Kreis läuft und kein Stück weiterkommt bis er er-schöpft zusammenbricht.

Im Leben weiterzukommen- auf ein Ziel hin, wird dem leichter fallen, der Gott als Urheber und Vollender des Lebens kennt. Das ist eine weitere, wunderschöne  Variante der Osterbotschaft.

Rainer Korten
Kat. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 30.03.2012

Über den Weg von  Karfreitag nach Ostern.
Es gibt eine merkwürdige Schizophrenie in unserer Zeit: da wird immer mehr Wert gelegt auf lernen, lernen, lernen, am liebsten schon im Kindergarten die zweite Fremdsprache und auf der anderen Seite scheinen Menschen immer mehr zu ver-lernen, nämlich  zufrieden und erfüllt zu leben.

Burnout ist  mehr als ein Modewort,  viele quälen sich mit zerbrochenen Lebensentwürfen, mit geplatzten  menschlichen Beziehungen, Kinder pendeln immer hin und her zwischen biologischen und sozialen Vätern und Müttern,  von der Zahl der Selbstmorde will ich nicht reden. Glückliches Leben ist offenbar schwieriger geworden.

Fast parallel dazu verläuft die Abnahme, die Menschen der Religion als Horizont-und Lebenserweiterung zubilligen. Dabei gäbe es gerade in den kommenden Tagen der Kar- und Osterwoche viel zu lernen, damit wir nicht zu leben ver-lernen.

Es lebte einmal ein König, der alles zu haben schien. Er rief seinen Hofnarren und gab ihm einen Stab mit den Worten:“ Gib diesen Stab dem, der noch närrischer ist als du!“ Eines Tages legte sich der König zum Sterben nieder  und sagte: „So, jetzt gehe ich in ein fremdes Land und kehre nie mehr zurück.“ Der Narr antwortete: „ Da du doch gewusst hast, dass du einmal in ein fremdes Land ausreisen musst, hast du sicher alles getan, um auch in dem neuen Land ein schönes Zuhause zu haben.“  Als der König dieses verneinte, überreichte ihm der Narr den Stab und sagte:“ Er gehört dir. Du bist noch ein größerer Narr als ich.“

Als solche Narren laufen Christen nicht durch die Welt. Sie wissen, dass sie einmal werden ausreisen müssen, und versuchen sich im Leben jetzt bereits auf ein neues, bleibendes Zuhause vorzubereiten. Dennoch stehen sie nicht unter dem seelischen Dauerstress, als müssten sie  möglichst viele Vorleistungen erbringen, was das Leben zur Qual machen würde. Sie wissen, dass die wesentlichsten „Vorleistungen“ am Karfreitag und am Ostertag durch Jesus Christus erbracht worden sind, und weil das erleichternd und frohmachend ist, singen sie diese Freude seit Jahrtausenden am Ostertag mit einem fröhlichen Halleluja in die Welt hinaus. Der Glaube an das österliche Leben in Gott ist die Kraft, das Leben nicht zu verlernen. Manche halten ja die Christen mit ihrem Glauben für Narren, das Leben lehrt etwas anderes, sofern man sich den Bezug zur Realität bewahrt hat und nicht in Scheinwelten flieht. Christen können aufrecht nackte Wahrheiten verkraften, sowohl das Leid wie den Tod und müssen nicht mit moderner Tünche Fakten verdrängen, was krank und unzufrieden macht, weil sie bei allem Lerneifer mit dem Kopf nicht  ver-lernt haben, aus Vertrauen in den auferstandenen Christus zu leben.

Ich freue mich, mit vielen Millionen Menschen auf unserem Erdball in wenigen Tagen das österliche Halleluja anzustimmen. Sie sind eingeladen mitzusingen, um bei allem Lernen, das froh  und dankbar leben  nicht zu ver-lernen.

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 20.02.2012

Ich schreibe diese Zeilen am Rosenmontag, zwei Tage vor dem Aschermittwoch, an dem angeblich alles vorbei sein soll. Aber da beginnen erst 6 Wochen, die wesentlich zu unserem Wohlbefinden beitragen können.

Im Altertum gab es 7 Weltwunder. Soweit ich weiß, sind davon nur die ägyptischen Pyramiden übrig geblieben. Aber es gibt auch moderne Weltwunder ,und man hat einen Wettbewerb unter Journalisten veranstaltet. Die 7 Wunder von heute sollten benannt werden: Ereignisse und Erfindungen, die unser Leben maßgeblich bestimmen. Unter den Vorschlägen waren z.B. die Raumfahrt, der Computer, die Organverpflanzungen und auch die Wuppertaler Schwebebahn. Eine Hamburgerin bezeichnete es als ein Wunder, dass überall auf der Erde Menschen noch lachen können. Das ist in der Tat ein Wunder bei all den schlechten Nachrichten, die allabendlich ausführlich im Fernsehen breitgetreten werden.

Ein englischer Schriftsteller hat einmal eine Liste unserer Sorgen aufgestellt. Platz 1 haben mit 40 % Sorgen um Ereignisse, die überhaupt nicht eintreffen, oder Dinge, die ihren Schrecken verlieren, wenn man sie aus der Nähe betrachtet. Was oftmals als Riese erscheint, ist in Wirklichkeit nur der Schatten eines Zwerges.

An 2. Stelle der Liste stehen mit 30 % Sorgen um längst vergangene Ereignisse. Man kann nichts mehr daran ändern, vorbei ist vorbei. Ab und an in den Rückspiegel zu schauen ist wichtig für eine sichere Fahrt, aber vor allen Dingen müssen wir die Wegstrecke im Auge haben, die vor uns liegt. Mit 12 % sind vertreten: grundlose Sorgen um unsere Gesundheit. Solche Sorgen bewirken oft das Gegenteil: wer sich dauern selbst beobachtet, wird schließlich krank.

Nun sind noch 18 % zu verteilen, 10 % davon sind Sorgen von geringerer Bedeutung, und nur 8 % sind wirklich berechtigte Sorgen. Fest steht: nicht die 8 % bedrücken uns am meisten, sondern jene 80 % unberechtigter Sorgen.

Woran mag das liegen? Weil viele von uns das Grundvertrauen in das Leben verloren haben, und das ist wiederum die Folge, wenn Menschen zuvor das Grundvertrauen zu Gott verloren haben. Dann beginnen sie nämlich dem Wahn hinterher zu jagen, für und gegen alles sich versichern zu wollen und laufen mit einer Lupe durch´s Leben, die alle Realität vergrößert.

Es ist kein Widerspruch, am Rosenmontag einen Artikel zum Beginn der Fastenzeit zu schreiben. Lebensfreude, nicht Lebensspäßchen, sind das Ergebnis eines tiefen Vertrauens in das Leben, dessen Quelle das Vertrauen zu Gott ist. Und genau das heißt Fasten-zeit: Fasten seat belt- sich anschnallen, heißt es im Flugzeug, sich an Gott wieder „anschnallen“ festmachen, heißt es für Christen in der Fastenzeit, damit uns nicht die unberechtigten Sorgen die Lebensfreude nehmen.

 

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 23.01.2012

Fast 9 Jahre lebe ich  in der Türkei und beobachte mein Deutschland aus der Ferne und aus gelegentlichen Heimatbesuchen und komme immer mehr zu der beunruhigenden Feststellung:“ denk´ ich an Deutschland bei Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht“( Heinrich Heine)

An einem Abend sollte ich folgendes verkraften: auf einem Fernsehkanal war eine Talk-Runde im Gange, die sich mit dem Übergewicht der Deutschen beschäftigte. Prompt trat ein sog. Experte auf mit der äußerst klugen Feststellung: um das Problem zu lösen, müsse schon Aufklärung in der Schule beginnen, besser noch im Kindergarten. Alte Klamotte, dachte ich und schaltete weiter. Auf dem nächsten Kanal ging es um gesunde Nahrungsmittel und deren Produktion: Fazit: …in der Schule, besser noch im Kindergarten  muss mit der Aufklärung begonnen werden, um zu verstehen, was auf den Joghurtbechern als Informationen steht. Verzweifelt schaltete ich auf einen dritten Kanal und geriet in eine Talk-Runde über die stark zunehmende Zahl von Schwangerschaften bei Teenagern. Selbstverständlich  auf hier der Rat des weisen Experten: in der Schule, besser noch im Kindergarten muss aufgeklärt werden.

Nun dachte ich, dass die deutsche Gesellschaft nach 50 Jahren  Aufklärung auf allen Kanälen inzwischen aufgeklärt ist, aber offensichtlich so aufgeklärt, dass nichts mehr klar ist. Bei allen 3 Gesprächsrunden war nicht ein einziger Diskutant dabei, der sich die Mühe gemacht hätte, nach den Ursachen für vieles zu fragen, was gesellschaftlich schief und zukunftslos läuft. Es ist das untaugliche Muster, nach dem Fernseh-Talks ablaufen: man diagnostiziert oft recht tiefsinnig, aber begnügt sich als Therapie mit einem Pflaster oder einem Placebo.

Ich wäre sehr an einer Diskussion interessiert, in der man Fragen versucht zu beantworten wie: wie wirkt sich langfristig der Ausfall der Religion  auf das Fundament einer Gesellschaft aus, wie will man eigentlich die grenzenlose Freiheit in fast allen ethischen Fragen noch steuern, ohne den Menschen immer mehr durch eine unbeschränkte Flut von äußeren Gesetzen und Bürokratien  zu drangsalieren, wie kann eine Gesellschaft von Erwachsenen wieder so menschlich und Vorbild gebend sein, dass man sich nicht mit allem auf Kindergarten und Schule stürzen muss, sondern den Kinder Kindheit lassen kann? Der beste Lernort für Kinder und Jugendliche war und ist immer das Vorbild der Erwachsenen. Da krankt Deutschland erheblich, aber zu dieser Einsicht tragen Talk-Runden in keiner Weise bei, denn auf der einen Seite werden privateste Dinge brutal auf dem öffentlichen Markt ausgetragen und auf der anderen Seite darf man Fehlentwicklungen als eine nicht unbedeutende  Folge von Religionsausfall in Fragen von Werten und Lebenssinn  nicht mehr beim Namen nennen. Ein sehr schizophrener Zustand, den es in der Türkei zu meiner  Lebensfreude nicht gib.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya