Be-denkens-wert vom 04.01.2013

Seit fast 10 Jahren lebe und arbeite ich in der Türkei. So hat sich im Jahresrhythmus ein Programm ergeben, dessen Einzelteile ich nicht mehr missen möchte. Dazu gehört der Kindertag am 23. April, wo große Mengen von Kindern im örtlichen Stadion zusammenkommen und farbenfroh und fröhlich feiern, die zahlreichen Veranstaltungen rund um den Tag der Republik am 29.Oktober und das Neujahrskonzert am Ausgang des Jahres.

Bei diesem Neujahrskonzert erlebte ich folgendes, was die Türkei so liebenswert macht: das Konzert war zu Ende, 1000 Menschen - viele Kinder und Jugendliche forderten eine Zugabe, da kam der Dirigent noch einmal auf die Bühne, sah in der ersten Reihe einen ca. 11-jährigen Jungen, lockte ihn auf die Bühne, stellte in auf das Dirigentenpult, übergab ihm seinen Taktstock, der Junge versuchte den Dirigenten nachzuahmen und das grandiose Orchester spielte den Radetzky-Marsch. Danach trat der Dirigent noch einmal ans Mikrofon und sagte: Eltern, passt auf eure Kinder auf, sie sind der größte Schatz.

Solch eine kinderfreundliche Geisteshaltung finde ich hier überall; es gibt wohl kein größeres Restaurant, das nicht drinnen und draußen eine Spielecke hat. Diese Szene im Konzertsaal erinnert mich an Jesu Wort im Matthäusevangelium: Da rief Jesus ein Kind, stellte es in ihre Mitte und sagte:“. . . wer ein solches Kind aufnimmt, nimmt mich auf.“ Wie wahr!“ Eine Gesellschaft, die das Kind in die Mitte stellt, hat Zukunft und braucht dann nicht von demografischen Problemen zu faseln, die angeblich wie ein Naturereignis über die Gesellschaft kommen oder ein Betreuungsgeld als Hilfe für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in die „Kolchose“ schicken wollen, als Herdprämie zu diffamieren.

Es ist einfach als alter Mensch für mich schön und erfrischend, in einem Umfeld zu leben, wo es zahlreiche Kinder und Jugendliche gibt, die als Schatz von der Gesellschaft wahrgenommen und gefördert werden, und die viel mehr als ein Kostenfaktor sind. Sie sind  schon lebende Zukunft. Deshalb freue ich mich schon heute auf den nächsten 23. April, den Kindertag.
 
Prälat Rainer Korten
Pfr. i.R in Antalya