Be-denkens-wert vom 22.08.2013

Nehmen Sie einmal an, Sie begegnen heute einem Riesen, was werden Sie tun? Ich meine natürlich keinen Riesen, wie er in Märchen und Sagen vorkommt. Ich meine auch keinen Menschen, der Sie um Haupteslänge überragt, ich meine einen Menschen, der sich grosstut, den starken „Mann“ markiert und gern auf andere herabsieht.

Solche „Riesen“ finden sich überall im Alltag, in der Berufswelt ebenso wie im Bekanntenkreis. Nicht wenige verwechseln heute solch ein Aufgeblasensein mit Selbstbewußtsein. Was soll man tun,  wenn man auf solch einen „Riesen“ trifft? Sich ducken, in Ehrfurcht erstarren, verlegen werden, sich aufregen? Es gibt wohl keine allgemein gültige Gebrauchsanweisung für den Umgang mit solchen unangenehmen „Riesen“. Beim Dichter Novalis fand ich jedoch einen brauchbaren Tipp „Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man den Stand der Sonne und achte darauf, ob es nicht nur der Schatten eines Zwerges ist“. Das ist ein guter Tipp.

Mancher, der grosstut, sich überall hervortun will, ist oft nur ein Schattenriese. Die Sonne scheint im Augenblick günstig für ihn zu stehen, mehr nicht. Er selbst ist nicht größer als wir, oftmals sogar nur ein kleiner Zwerg. Aber die Sonne der öffentlichen Meinung, des Kontostandes, des Titels, des großen Mundwerkes wirft einen riesigen Schatten, von dem sich mancher einschüchtern lässt. Wer nicht genau hinsieht, hält diesen Schatten für das wahre Bild, und was besonders tragisch ist, auch der Schattenwerfer sieht das als Realität an und benimmt sich dementsprechend.

Ich habe in meiner Arbeit schon so manchen „Riesen“ erlebt, der bei einer Krankheit oder einem anderen Zwischenfall im Leben erbärmlich abstürzte. Wer wirklich groß ist, bleibt mit den anderen auf Augenhöhe. Wer groß ist und um seine echte Größe weiß, braucht keinen Sockel, er muss nur wissen, wo die Quelle für Größe ist.

Die Welt wimmelt von Schattenriesen, wir brauchen sie nicht zu fürchten, es gibt keine Übermenschen, auch wenn manche davon immer wieder träumen und sich so benehmen. Der Einzige, der uns wirklich überragt, und zwar durch seine grenzenlose Liebe, ist Gott. Von ihm können wir die Größe lernen, die nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, die nicht demütigt, sondern ermuntert. Der Glaube an Gott befreit von der Angst vor Schattenriesen, weil er um die eigene Größe als Kind Gottes weiß.

Wenn Sie also einem „Riesen“ begegnen, dann untersuchen Sie den Stand der Sonne und achten Sie darauf, dass es nicht der Schatten eines Zwerges ist.


Rainer Korten
Pfr  i.R., Antalya